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NPD : In der Wolfshöhle

Die „Nationalen” im „Sächsischen Wolf” Bild: dpa/dpaweb

Die erste Pressekonferenz der NPD nach ihrem Wahlerfolg in Sachsen: Ein bizarrer Auftritt, bei dem die Masken der „Nationalen“ fallen. „Wir streben revolutionäre Veränderungen an“, sagt Parteiführer Holger Apfel.

          3 Min.

          Wenn die NPD nach ihrem Wahlerfolg in Sachsen zur ersten Pressekonferenz einlädt, kann das kein gewöhnlicher Termin sein.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Den genauen Orte verrät der Sprecher der Bundes-NPD nicht, nur daß man sich im nahe Dresden gelegenen Freital am Busbahnhof einfinden solle. Dort werde man abgeholt. Also versammelt sich die Medienschar zum vereinbarten Termin am "Stand 7" gleich neben einem PDS-Wahlplakat „Hartz IV, das ist Armut per Gesetz. Weg damit!"

          Die NPD läßt auf sich warten. Endlich kommt ein junger, großer durchtrainierter Mann mit kurzgeschorenen Haaren über die Straße. Und stellt sich seltsam nervös als "ein Helfer, kein Parteimitglied" vor, die brennende Zigarette umhöhlt er mit seiner Hand. In seinem dunkelgrauen Anzug sieht er wie verkleidet aus. Noch etwas Warten, dann hält er die Zeit für gekommen, die zwanzig Journalisten einfach nur quer über die Straße zu führen. Warum man sich nicht gleich vor dem "Sächsischen Wolf" einfinden durfte, bleibt ein Geheimnis.

          Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

          Kalter Rauch liegt in der Luft

          Der „sächsische Wolf“, eine Diskothek, die schon von außen ziemlich erbärmlich aussieht, darf freilich auch nicht sogleich betreten werden. Vielleicht liegt das daran, daß ein biederer Grauhaariger in gelben Sweatshirt die Szene für die Partei auf Videoband dokumentieren muß. Von innen hält der "sächsische Wolf", was er von außen verspricht. Schwer liegt der kalte Rauch in der Luft, eine alte schwarze Ledercouch ist an die Seite geschoben, der Boden ist mit schwarzem Schiefer ausgelegt, hinter dem Tresen der Cocktailbar "Wolfshöhle" bereitet eine aufgetakelte Frau eine Fertigsuppe zu, neben dem Herd taut eine Packung eingeschweißter Bockwürste vor sich hin.

          An der Stirnseite vor einigen NPD-Transparenten, die das dilettantische Wolfsgemälde an der Wand teilweise überdecken, sitzen die Parteigrößen schon an einem langen Tisch. Neben Udo Voigt, dem Bundesvorsitzenden ist Holger Apfel, der Spitzenkandidat der sächsischen NPD, gekommen. Auch Uwe Leichsenring, der Fahrlehrer aus Königstein, den der Verfassungsschutz für den Prototypen des „Wolfs im Schafspelz“ hält, und der sich nicht minder harmlos gebende Sebnitzer Arzt Johannes Müller sind da. Und schließlich Peter Marx, Vorsitzender der saarländischen NPD, der für sein Wahlergebnis von vier Prozent Anfang September im Saarland nun in Sachsen mit dem Posten des NPD-Fraktionsgeschäftsführers belohnt werden wird.

          „Schulterschluß aller aufrechter Volksdeutscher"

          Als erster monologisiert minutenlang der 34 Jahre alte Holger Apfel in das Mikrophon der scheppernden Disko-Lautsprecheranlage. Der NPD-Wahlerfolg sei ein großartiges Ergebnis für alle „Deutschen, die noch Deutsche sein wollen". Der „Schulterschluß aller aufrechter Volksdeutschen“, der den Sieg erst möglich gemacht habe, werde weitergeführt. Intensiv werde man mit der DVU und auch den Republikanern kooperieren.

          Allerdings distanzieren sich die Republikaner am selben Tag mit einer scharf formulierten Pressemitteilung von der NPD, in der sie von üblen Machenschaften sprechen und feststellen, nun habe der Verfassungsschutz sogar eine Landtagsfraktion. Apfel geht nicht darauf ein, sagt aber, daß die NPD wegen des Verbotverfahrens so frei und sauber „von Verrätern" sei wie keine andere Partei.

          „Historische Zäsur"

          Konsequent sei man gegen jene „Minusseelen“, die für „diesen Staat“ gearbeitet haben. Doch für Apfel bleibt der 19. September eine „historische Zäsur“. Und dann wird der Mann richtig laut, denn dann spricht er über das Thema Medien. Ein beispielloses Trommelfeuer gegen seine Partei habe es gegeben, Gossenjournalismus sei betrieben worden. Doch die Aufrufe, zur Wahl zu gehen, hätten sich als Bumerang erwiesen. „Ihnen allen gebührt der herzliche Dank.“ Es störe die deutsche Eiche nicht, wenn sich die Sau an ihr reibe. Überhaupt sei ja bekannt, daß viele Journalisten keine Kinderstube hätten. Apfel erregt sich dabei so, daß er seinen Sprachfehler noch weniger verbergen kann als sonst.

          Voigt, Hauptmann a.D., bedankt sich zunächst bei Bundesinnenminister Schily (SPD), der das Scheitern des Verbotsverfahrens gegen die NPD selbst verschuldet und damit die NPD bekannt gemacht habe. Bei der Bundestagswahl 2006 werde es zu einem Dominoeffekt für die NPD kommen, denn die Leute im Westen hätten noch „mehr Besitzstände zu verlieren als die Leute in Mitteldeutschland“. Hartz-Betroffenen werde man klar machen, daß sie im Extremfall „Asylantenheime als Ein-Euro-Jobs reinigen müsse“.

          „Streben revolutionäre Veränderungen an"

          Von Sachsen gehe jedenfalls eine Revolution aus. Es gehe darum, das „BRD-System“ zu überwinden. So wie die Weimarer Republik, die DDR und "leider" das Reich, werde auch die BRD untergehen. Als der NPD-Vorsitzende gefragt wird, wie stark ein neues System dem „Dritten Reich“ ähneln werde, sagt Voigt, das könne er nicht vorhersehen. Jedenfalls fügt Holger Apfel dann noch einmal klipp und klar hinzu: „Wir streben revolutionäre Veränderungen an."

          Fahrlehrer Leichsenring, der in diesem Zusammenhang einmal vom Aufstand Ost sprach, für den man sich vorbereiten wolle, bleibt seiner Rolle als „Schaf im Wolfspelz" im Freitaler „sächsischen Wolf“ treu und schweigt zum Thema Umsturz lieber. Zur rechtsextremistischen Schlägertruppe mit dem anspielungsreichen Namen "Skinheads Sächsische Schweiz" hielt er stets intensiv Kontakt.

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