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Fünf Jahre Breivik-Morde : Der Terror aus unserer Mitte

Wunde im Stein: Computeranimation des geplanten Mahnmals bei Utøya Bild: dpa

Anders Breiviks Anschlag forderte 77 Tote und 260 Verletzte. Auch fünf Jahre nach der verhängnisvollen Tat ist das Trauma in Norwegen nicht überwunden. Stattdessen entbrennt ein Streit über das richtige Gedenken.

          Der 22. Juli war 2011 ein Freitag, so wie dieses Jahr wieder. Nachmittags um 15.26 Uhr an jenem Tag ließ der bis dahin unauffällige Einzelgänger Anders Behring Breivik im Regierungsviertel von Oslo einen mit Sprengstoff gefüllten Lieferwagen explodieren und machte sich, verkleidet als Polizist, auf den Weg zum Sommerlager der norwegischen Jungsozialisten auf der Insel Utøya, wo er bis zu seiner Festnahme um 18.34 Uhr mit einem Gewehr und einer Pistole Jagd auf die dort versammelten Jugendlichen machte. In Oslo und auf Utøya wurden zusammen 77 Menschen getötet, 260 wurden verletzt, darunter viele Minderjährige.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Sonntag danach fand der sozialdemokratische Ministerpräsident Jens Stoltenberg dann Worte, die in der ganzen Welt Eindruck machten: „Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität“, sagte er im Trauergottesdienst im Dom von Oslo. Es war ein Ton, der über alle Partei- und Religionsgrenzen hinweg auf Zustimmung traf. Am Montag nach den Anschlägen gingen in Oslo mehr als 150.000 Menschen auf die Straße, sie sangen Lieder und hielten Rosen in den Händen.

          Der Tweet einer Schülerin wurde zur Parole für ein ganzes Volk: „Wenn ein Einzelner so viel Böses verursachen kann, wie viel Liebe können wir dann alle zusammen schaffen?“ Und als das Amtsgericht in Oslo den Attentäter nach einem mustergültigen Prozess zur Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilte, galt der norwegische Umgang mit der Terrortat als in jeder Hinsicht vorbildlich.

          Alltag löst Ausnahmezustand ab

          Fünf Jahre nach den Anschlägen hat der Alltag den Ausnahmezustand von damals abgelöst, an die Stelle von Geschlossenheit und Entschlossenheit sind Einzelinteressen, bürokratische Langatmigkeit und Erschöpfung getreten. Das Regierungsviertel im Zentrum von Oslo liegt immer noch gespenstisch brach, die von der Autobombe verursachten Schäden wurden zum Teil nur notdürftig verdeckt, die Behörden haben sich in Provisorien eingerichtet. Gegen ein Mahnmal, das auf dem Festland gegenüber von Utøya entstehen soll, protestieren die Anlieger. Die haarsträubenden Mängel bei Ausrüstung und Organisation der Polizei, die durch die Anschläge bloßgelegt wurden, sind nach Ansicht vieler Fachleute bis heute nicht behoben. Und eine Debatte über unterschwellige Fremdenfeindlichkeit und die Integration von Einwanderern hat bisher nur in Ansätzen stattgefunden.

          „Für alle, die nicht direkt betroffen waren, haben die drei ersten Tage nach dem Attentat eine beruhigende Interpretation geliefert“, sagt der Kultur- und Religionswissenschaftler Kyrre Kverndokk von der Universität in Bergen. „Nicht Hass, Leid und Frustration spielen darin die entscheidende Rolle, sondern Liebe, Toleranz und Zusammenhalt.“ Diese Umdeutung habe zugleich Breiviks Verbrechen entpolitisiert, obwohl dieser sie vor Gericht politisch begründet und mit Bedacht zwei Ziele gewählt hat, deren politische Symbolik in Norwegen nicht zu übertreffen ist. Der Lieferwagen explodierte vor dem Hochhaus, in dem bis zu jener Minute die Staatskanzlei mit dem Büro des Regierungschefs sowie das Justizministerium ihren Sitz hatten, und das traditionelle Sommerlager auf Utøya hat Generationen von Politikern der sozialdemokratischen Arbeiterpartei geprägt.

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