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Nordkorea : Corona „besiegt“ – und es fließen Tränen

Kim Jong Un und seine Schwester Kim Yo Jong am 27. April 2018 in Panmunjom Bild: Reuters

Nordkorea zelebriert das angebliche Ende von Covid. Die Schwester des Diktators schiebt die Schuld an der Krise Südkorea zu – und verklärt ihren Bruder Kim Jong-un.

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          Drei Monate nach dem mutmaßlichen Ausbruch von Covid in Nordkorea hat das Regime den Sieg im Kampf gegen das Coronavirus erklärt und einen Schuldigen benannt: Südkorea. Nordkorea hatte den Ausbruch der Pandemie in Nordkorea am 12. Mai eingestanden. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung soll sich nach den Angaben des Regimes seither mit dem Virus infiziert haben und angeblich auch Machthaber Kim Jong-un persönlich. Das jedenfalls deutete die Schwester des Diktators, Kim Yo-jong, nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA in einer Rede an.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der „angesehene Genosse“ Kim Jong-un habe feierlich den Sieg in der Kampagne zur Ausrottung des neuen Coronavirus erklärt, berichtete KCNA am Donnerstag von einer nationalen Sitzung zur Epidemiebekämpfung vom Vortag. Fotos und ein Kurzfilm des Treffens zeigen tausende Delegierte ohne Masken, denen die Tränen kamen, als Kim Yo-jong sprach. Kim sei „während des Quarantänekriegs schwer mit hohem Fieber erkrankt“ gewesen, deutete die Schwester eine Covid-Infektion des Machthabers an. Er habe sich aber für keine Sekunde niedergelegt und nur an die Verantwortung für die Menschen gedacht. Kim wurde im Juni und Juli für einige Zeit nicht in der Öffentlichkeit gezeigt, was eine Covid-Quarantäne anzeigen könnte.

          Aus Mangel an Prüfkits hatte Nordkorea nie konkrete Infektionszahlen genannt, sondern nur von Fällen hohen Fiebers gesprochen. Etwa 4,77 Million Menschen sollen in den vergangenen drei Monaten Fiebersymptome gezeigt haben. Die Zahl der Toten beziffert Nordkorea mit 74. Seit dem 29. Juli hat das Regime keine neuen Fieberfälle gemeldet. Fachleute aus dem Ausland bezweifeln die Zahlen, doch lassen diese sich in dem verschlossenen Land nicht überprüfen. Der Chef der Anti-Covid-Kampagne, Ri Chung-gil, sprach auf dem Treffen von einem „nie dagewesenen Wunder“.

          Kim beschuldigt faule Staatsvertreter

          Kim Yo-jong behauptete, dass das Virus durch Flugblätter, Banknoten und Bücher aus dem Süden nach Nordkorea eingeschleppt worden sei. Wenn der Feind die gefährlichen Taten weiter verfolge und das Virus nach Nordkorea bringe, „werden wir nicht nur diese Viren, sondern auch die südkoreanischen Machthaber auslöschen“, wurde Kim zitiert. Unter der Regierung des konservativen Präsidenten Yoon Suk-yeol lässt Südkorea den Versand von Flugblättern mit Ballons nach Nordkorea wieder zu, während sein Vorgänger Moon Jae-in die Aktionen von Aktivisten hatte verbieten lassen. Nordkorea sind die Propagandaflugblätter schon seit langem ein Ärgernis. Südkorea reagierte auf die Vorwürfe Kims mit „großem Bedauern über die anmaßenden und bedrohliche Bemerkungen Nordkoreas“. Die Anschuldigungen seien grundlos, hieß es aus dem Wiedervereinigungsministerium.

          Nordkorea hat, soweit bekannt, keine Massenimpfungen durchgeführt. Die Staatsmedien begründeten den Erfolg mit Lockdowns im Land, mit heimischen Medikamenten und mit der politisch-ideologischen Überlegenheit des sozialistischen Systems koreanischen Stils. Während Kim das Ende der Anti-Covid-Restriktionen, darunter weitreichende Bewegungsbeschränkungen, erklärte, bleiben andere Maßnahmen zum Schutz gegen die Pandemie bestehen.

          Berichte auf der Sitzung zeigen, dass die Anti-Covid-Kampagne ihre Schwierigkeiten hatte. Kim selbst beschuldigte selbstsüchtige und faule Staatsvertreter. Ein Parteivertreter aus der Hauptstadt Pjöngjang schilderte Unordnung und Konfusion Mitte Mai und beschrieb, dass verängstigte Menschen aus der Isolation ausgebrochen seien und auf der Suche nach Medikamenten Apotheken gestürmt hätten. Verteidigungsminister Ri Yong-gil klagte sich an, weil das Militär in unverantwortlicher Weise nicht schon früher Lockdowns initiiert habe.

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