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Nordamerika : Demokratischer Reformeifer

  • -Aktualisiert am

Gedenkmesse durch Kardinal Law - Mißklang in Rom Bild: AP

Trotz der beachtlichen Stellung der katholischen Kirche Amerikas daheim und im Vatikan ist die Wahl eines amerikanischen Papstes unwahrscheinlich. Mißbrauchsskandale und der Ruf nach Reformen stehen im Weg.

          4 Min.

          Warum eigentlich nicht: ein Papst aus Nordamerika? Die katholische Kirche der Vereinigten Staaten ist mit 67,3 Millionen Gläubigen in absoluten Zahlen die drittgrößte der Welt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die meisten Diözesen in den Vereinigten Staaten gewinnen an Gläubigen, sie sind ethnisch vielfältig und polyglott, der Zustrom der katholischen Immigranten aus Lateinamerika verbindet sich mit dem vitalen Glaubensfundament der Nachfahren der europäischen Einwanderer.

          Zweitgrößte nationale Gruppe im Gremium

          Wort und Stimme der elf Kardinäle aus den Vereinigten Staaten haben im Konklave erhebliches Gewicht. Sie stellen fast ein Zehntel der 115 wahlberechtigten Kardinäle und sind nach Italien mit 21 Kardinälen die zweitgrößte nationale Gruppe im Gremium.

          Zudem vertreten die Kardinäle aus Boston, New York oder Los Angeles ein Land, dessen Regierung in wichtigen ethischen und sozialpolitischen Fragen wie Abtreibung, Homosexuellenehe, Stammzellenforschung und Sterbehilfe der Doktrin des Vatikans so treu folgt wie keine andere in einem westlich geprägten Industriestaat.

          „Kultur des Lebens“

          Präsident Bush hat sich nicht umsonst die Rede von Johannes Paul II. von einer aus festem Gottesglauben gespeisten „Kultur des Lebens“ zu eigen gemacht, der auch die staatliche Macht zu dienen habe. In kaum einem anderen westlichen Land fand dieser Ruf nach einer „Kultur des Lebens“ - gegen die vom Kommunismus wie vom kruden Kapitalismus praktizierte materialistische „Kultur des Todes“ - so breiten und tiefen Widerhall wie ausgerechnet im Land von Hollywood und Las Vegas.

          Und nicht umsonst hat die Mehrheit der katholischen Wähler bei den Präsidentenwahlen vom November 2004 für den Methodisten Bush gestimmt - und nicht für den Katholiken John Kerry. Selbst die von der katholischen Kirche unterstützte Kampagne gegen die Todesstrafe scheint nach dem jüngsten Urteil des Obersten Gerichts in Washington, wonach die Hinrichtung jugendlicher Straftäter gegen die Verfassung verstoße, wieder Auftrieb zu gewinnen.

          Wahl eines amerikanischen Papstes unwahrscheinlich

          Trotz der beachtlichen Stellung der katholischen Kirche der Vereinigten Staaten daheim und in den Institutionen des Vatikans ist die Wahl eines amerikanischen Papstes aber im Grunde ausgeschlossen. Am wenigsten wollen wahrscheinlich die nordamerikanischen Kardinäle und Gläubigen einen Papst aus ihren Reihen.

          Wenn schon der militärisch und politisch mächtigste Mann der Welt der Präsident der Vereinigten Staaten ist, dann kann nicht auch noch das geistliche Oberhaupt der 1,1 Milliarden Katholiken aus den Vereinigten Staaten kommen. Zumal wegen des Irak-Krieges, der den Antiamerikanismus in allen Kontinenten hat aufwallen lassen, würde die Wahl eines nordamerikanischen Papstes von der Mehrzahl der Gläubigen, die den Heiligen Stuhl tragen, als Affront des Vatikans gegen seine „Herde“ empfunden.

          Ruf nach Reformen

          Aber auch im Vatikan dürfte ein gewisses Mißtrauen gegen die katholische Kirche der Vereinigten Staaten überwiegen - zumal im Kardinalskollegium, dessen Zusammensetzung die Handschrift von Johannes Paul II. trägt. Denn aus den Gemeinden von Maine bis Kalifornien erschallt nicht nur der Ruf nach einer „Kultur des Lebens“, nach Friedfertigkeit und Gerechtigkeit, sondern auch nach Reformen.

          Vor allem in den „europäisch“ geprägten Diözesen wird gleichsam eine Demokratisierung der Kirchenstrukturen gefordert, eine größere Rolle für die Laienschaft und mehr Transparenz und Durchlässigkeit der Hierarchie.

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