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Norbert Bobbio : Italiens skeptischer Laienpapst

  • -Aktualisiert am

Norberto Bobbio ist tot Bild: dpa/dpaweb

Der politische Philosoph Norberto Bobbio war einer der großen lehrer der Demokratie. Er starb am Freitag im Altern von 94 Jahren in Turin.

          3 Min.

          Nein, die heute in Deutschland unter ehemaligen Parteimitgliedern der NSDAP geläufigen Ausreden hat Norberto Bobbio, der am Freitag im Alter von 94 Jahren in Turin verstarb, nie für sich akzeptiert: Zu jung sei man damals gewesen, es sei gar keine politische Entscheidung gewesen, und ohnehin könne man sich nicht erinnern.

          Der aus einer faschistischen Familie stammende, aber seit der Schulzeit mit allen wichtigen Antifaschisten seiner Heimatstadt Turin (darunter Leone Ginzburg, Vittorio Foa, Giancarlo Pajetta, Carlo Levi) befreundete Bobbio wußte genau, warum er 1935, nach kurzer polizeilicher Einvernahme, seinen faschistischen Parteiausweis behalten hatte. Er hätte sonst niemals Universitätskarriere machen können. So schrieb der junge Philosoph, der in Deutschland bei Jaspers studiert hatte und in der Juristerei der "reinen Rechtslehre" Kelsens anhing, noch 1938 einen Bittbrief an Mussolini und ließ auch einen in der Hierarchie des Regimes ranghohen Onkel beim "Duce" vorstellig werden, da er aus der Liste der Kandidaten fürs Professorenamt ausgeschlossen worden war.

          Gründer der „Aktionspartei“

          Später nahm Bobbio an der liberal-sozialistischen Bewegung teil und gehörte 1943 zu den Gründern der "Aktionspartei" der linken, aber eben nicht kommunistischen Intelligenzija. Da war er schon Professor. Der Philosoph eines linken Liberalismus hoffte zwar, mit der aktiven Teilnahme am Widerstand seine Kompromittierung "gesühnt" zu haben. Den moralischen Makel der Zweideutigkeit seiner Jugend hatte dies für ihn selbst jedoch nicht gelöscht. Noch 1984 lehnte er einen Preis als "Erzieher zum Bürgersinn" mit der Begründung ab, diesen hätten zuvor Widerständler ohne Makel erhalten. Und noch 1999 gab er gegenüber einem aus dem neofaschistischen Umfeld stammenden Journalisten zu, er habe jahrelang über seine Studienzeit als Faschist geschwiegen: "ganz einfach, weil wir uns geschämt haben".

          Nur die Gründungsjahre der Republik erlebte Bobbio als Parteiaktivist - seine spätere Rolle als politischer Mentor der italienischen Demokratie verdankt sich ausschließlich seiner akademischen Lehre. Von 1948 bis zu seiner Emeritierung 1984 lehrte er in Turin politische und Rechtsphilosophie und galt schließlich als das demokratische Gewissen Italiens. Doch zumeist predigte er ohne Erfolg.

          Die intellektuelle Antipode des italienischen Kommunismus

          Während des Kalten Krieges war Norberto Bobbio zwar der intellektuelle Antipode des italienischen Kommunismus; aber die politische Macht wurde christlich-demokratisch verklüngelt und verwaltet. In den fünfziger Jahren verteidigte Bobbio in einer berühmten Kontroverse mit dem Kommunistenchef Palmiro Togliatti die liberale Demokratie gegen den marxistischen Vorwurf, bloße kapitalistische Herrschaftsform zu sein. In den sechziger Jahren kritisierte er den militanten Aktionismus der neuen Linken, an der auch seine Söhne aktiv teilnahmen, und forderte (wieder vergeblich) die kommunistische Partei zu einem "Bad Godesberg" auf, zur Abkehr vom Marxismus, damit endlich auch in Italien eine normale sozialdemokratische Partei entstehen könne. In den siebziger Jahren kritisierte er dann alle dialektischen Formeln aus der eurokommunistischen Litanei vom "dritten Weg". Die linke Rede sei ja, ja - oder nein, nein: Es gebe eben nur zwei Wege, den der demokratischen Mehrheit oder eine wie immer verbrämte Absage an die Demokratie.

          Doch warnte Bobbio, demokratischer Sozialist ohne Parteibuch, bald auch vor den Gefahren des neuen, machtbewußten Kurses des Sozialistenchefs Bettino Craxi. Hier witterte Bobbio schon damals die Gefahren einer plebiszitären "Applaus"- und Mediendemokratie, welche später, nach dem Zusammenbruch von Craxis Korruptions- und Kartenhaus, Berlusconis "Forza Italia" in Reinkultur entwickeln sollte. Der skeptische Aufklärer als Prediger des Bürgersinns wurde mit vorrückendem Alter immer pessimistischer.
          Seine Diagnosen zur "Zukunft der Demokratie" (1988) gaben ihm keinerlei Anlaß zum Optimismus. Doch sein Büchlein "Rechts und Links" (1994), eine Art Aufklärungsfibel über die politische Bedeutung ethischer Parteinahme, wurde begeistert aufgenommen. In seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten wurde der alte, öffentlichkeitsscheue Aufklärer und Vernunftskeptiker zum Bestsellerautor - mit Schriften über politische Moral und über das, genauer: sein eigenes Älterwerden.

          Der Laienpapst

          Böse Zungen nannten ihn, den Ungläubigen, "papa laico" Italiens: einen Laienpapst für jene, die weder an eine Kirche glauben (sei es die der Kommunisten oder die des Papstes) noch auf Trost und Vergebung beim lieben Gott hoffen möchten. Bobbio selbst sprach von einer Religiosität ohne Gott - "angesichts des Unfaßbaren, des Unerklärlichen, des Unendlichen". Hier war kein Trost zu holen, sondern Anstand zu bewahren. Der alte Lehrer der Demokratie war vor allem ein Mann der Ehrlichkeit.

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