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Nobelpreis für die EU : Eine Idee von kühner Weitsicht

Projekt von historischen Dimensionen: Auf diesem Bild vom 1. Januar 2007 feiern zwei Rumänen den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union Bild: dpa

Ohne die EU sähe es in Europa nicht so gut und friedlich aus, wie es uns heute selbstverständlich scheint. Daran erinnert die Verleihung des Friedensnobelpreises. Die Institution, die das Kriegsjahrhundert mit überwand, macht sich schon für neue Herausforderungen bereit.

          Das norwegische Komitee, das den Friedensnobelpreis vergibt, ist keine Versammlung weiser, gar unsterblicher Frauen und Männer, sondern eine ganz und gar irdische, also politische Veranstaltung. In den vergangenen Jahren sind immer wieder Personen oder/und Organisationen ausgezeichnet worden, bei denen man nicht so recht wusste, warum sie erwählt wurden, und warum nicht andere. Dass bis heute die deutsche Wiedervereinigung nicht gewürdigt wurde, dafür vor Jahren einmal ein früherer amerikanischer Vizepräsident, dessen historische Stunde die Wahlniederlage gegen Bush war, ist nur eine von vielen Ungereimtheiten.

          Dennoch nimmt der Friedensnobelpreis in der globalen öffentlichen Wahrnehmung einen herausragenden Platz ein. Und in dieser Sichtweise ist die Ehrung zu verstehen, welche der Europäischen Union in diesem Jahr zuteil wird. Die EU der Gegenwart leidet unter ernsten Problemen, sie muss große Spannungen aushalten; die Staatsschuldenkrise stellt Zusammenhalt und Solidarität, Vernunft und Prinzipientreue gleichermaßen auf die Probe.

          Wo die Musik spielt

          Aber sie ist und bleibt ein einzigartiger Versuch, aus den europäischen Erfahrungen eine in die Zukunft weisende, auf Institutionen gestützte Lehre zu ziehen: Wie können Staatenrivalität und Staatenkonflikt in Europa soweit domestiziert und eingehegt werden, dass daraus nichts Schlimmes wird?

          Die historischen Grunderfahrungen in Europa waren Krieg und Konflikt - die Grunderfahrungen dieser und der vorangegangenen Generation sind, jedenfalls überwiegend, Frieden und Zusammenarbeit. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Daran hat nicht nur die EU der Brüsseler Institutionen Anteil; die EU konnte unter dem amerikanischen Sicherheitsschirm gedeihen und sich entwickeln. Aber ohne die EU, selbst wenn sie gelegentlich zur moralischen Selbstüberhöhung neigt und auf Kritik oft beleidigt und übertrieben reagiert, sähe es auf diesem Kontinent anders aus.

          Dass sie trotz aller aktueller Kalamitäten, die führende Akteure gar für existenzbedrohend halten, nach wie vor attraktiv ist, beweist die lange Schlange der Beitrittsaspiranten. Sie wollen dorthin, wo die Musik spielt, wollen dazugehören.

          Eine Idee von kühner Weitsicht

          Die europäische Idee ist eine schöne Idee. Sie lebt von kühner Weitsicht ebenso wie von der erfahrungsgesättigten Einsicht in die Beharrungskräfte nationaler Identität. Die Europäische Union der Zukunft wird etwas anderes sein müssen als die EU der Gründerväter, flexibler, variabler vor allem. Eine neue politische Form zu finden, die dem 21. Jahrhundert angemessen ist und dabei die Zustimmung der Bürger findet, wird die Aufgabe der kommenden Jahre sein.

          Aber an dem Tag, an dem die Repräsentanten der EU den Nobelpreis entgegennehmen, darf noch einmal daran erinnert werden, dass „Europa“ nicht alles besser macht, aber die europäische Integration doch einen Wert an sich darstellt. Und sei es, weil der Frieden im Herzen Europas heute für die meisten Zeitgenossen eine Selbstverständlichkeit ist.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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