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Amerika wählt : Könnte Trump ein Scheinsieg genügen?

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Gut möglich, dass die ersten Ergebnisse am 3. November Trump deutlich vorn sehen – bis die Briefwahlstimmen gezählt werden. Will der Präsident das nutzen, um an der Macht zu bleiben? Oder hat er einen anderen Plan?

          5 Min.

          Liebe Leserin, lieber Leser,

          die amerikanische Präsidentenwahl von 2016 hielt eine wichtige Auffrischungslektion für alle Journalisten bereit: Unser Job ist es nicht, den Ausgang einer Wahl vorherzusagen. Mit zwei Prognosen für den November dieses Jahres lehne mich wohl trotzdem nicht zu weit aus dem Fenster. Erstens: Obwohl der Amtsinhaber Emotionen wie kaum ein Vorgänger schürt – die einen lieben Donald Trump, und die anderen lieben es, ihn zu hassen –, dürfte die Wahl recht knapp ausgehen. Denn wegen des grassierenden Lagerdenkens gibt es nur noch wenige Wechselwähler. Zweitens: Eine knappe Niederlage würde Trump nicht ohne weiteres anerkennen.

          Mit Dauer-Attacken auf das Briefwahl-Verfahren bereitet der Präsident bekanntlich seit Monaten den Boden für die Anfechtung eines Sieges des Demokraten Joe Biden. Trump kalkuliert dabei, dass mehr Briefwahlstimmen für Biden als für ihn abgegeben werden. Denn zwei wesentliche Teile der demokratischen Wählerklientel – mobile Akademiker und abgehängte Randgruppen – nutzten in der Vergangenheit die Briefwahl überproportional. Andererseits könnte Trump die Rechnung ohne die Pandemie gemacht haben. Auch ältere Republikaner-Wähler auf dem Land dürften dieses Jahr das Schlangestehen im Wahllokal scheuen.

          Behält Trump aber recht mit seiner Prognose (was gut sein kann), dann wird ein Szenario wahrscheinlich, das vielen Demokraten Angst einjagt: ein Scheinsieg Donald Trumps. Denn zuerst werden in den meisten Bundesstaaten die im Wahllokal abgegebenen Stimmen ausgezählt und die jeweiligen Ergebnisse mitgeteilt. Wenn überproportional viele Trump-Anhänger in wichtigen „Schlachtfeldstaaten“ tatsächlich ins Wahllokal gegangen sein sollten, dann werden die Fernsehsender also zunächst einen womöglich deutlichen Vorsprung des Amtsinhabers anzeigen.

          Die Auszählung der Briefwahlstimmen danach dauert lange: Das äußere Kuvert muss geöffnet, zur Identitätsüberprüfung die Unterschrift des Wählers mit der im Wählerregister hinterlegten Unterschrift verglichen, dann erst der innere Umschlag geöffnet und der Wahlzettel ausgewertet werden. Wenn jetzt vor allem Demokraten diesen Weg der Stimmabgabe wählen sollten, und zwar wegen Corona viel mehr als sonst, dann könnten sie die am Wahlabend gezeigten Trends umkehren. Wenn das aber erst nach ein bis drei Tagen passiert, hätte Trump viel Zeit, seinen Anhängern weiszumachen, sie erlebten gerade in Zeitlupe mit, wie ihm die Demokraten „den Wahlsieg stehlen“.

          Es kommt für Bidens Leute also darauf an, die Erwartungen der Wähler an ein verlässliches Ergebnis am Morgen nach der Wahl zu dämpfen. Doch das ist heikel. Denn wenn nur Demokraten darauf hinweisen, dass man nicht wie in früheren Wahlen dem trauen dürfe, was am frühen Morgen des 4. Novembers über die Bildschirme läuft, dann setzen sie sich in einer zunehmend verschwörungstheoretisch veranlagten Gesellschaft jetzt schon dem Verdacht aus, Zeit für nachträgliche Ergebniskorrekturen zu schinden.

          Bleibt die Frage, was Trump bezweckt. Sicher scheint mir, dass Trump auf gar keinen Fall das Weiße Haus als Verlierer verlassen will. Weniger sicher bin ich mir, ob er auf gar keinen Fall das Weiße Haus verlassen will – oder eben nur nicht als Verlierer. Vielleicht bin ich da naiv; die Weltgeschichte ist schließlich voller Beispiele dafür, dass autoritär veranlagte Herrscher an der Macht kleben. Trump aber hat uns in den vergangenen Jahren wieder und wieder seinen Hang zur Opferrolle vorgeführt: Dauernd beschwert er sich, dass niemals einem Präsidenten übler mitgespielt worden sei als ihm. Außerdem hat er vielfach gezeigt, dass er seine persönlichen (Geschäfts-)Interessen über die des Landes stellt. Wie eilig hat es der heute 74 Jahre alte Präsident, seinen gesteigerten Weltruhm noch ungenierter zu Geld zu machen, als er es im Amt könnte? Einer wie Trump würde sich als vermeintlicher „eigentlicher Sieger“ sehr erfolgreich global vermarkten: Keiner schmollt inbrünstiger als er.

          Umgekehrt kann man aufgrund von Trumps bisheriger Bilanz bezweifeln, dass er die Entschlossenheit hätte, einen Verbleib im Amt auch dann durchzusetzen, wenn Biden der Sieg zugesprochen wird. Klar, rhetorisch gibt ein Trump niemals nach. Aber wenn er tatsächlich so durchsetzungsstark wäre, wie seine Leute immer behaupten – warum gibt es dann noch Obamacare und die Nato, warum erstickt die Armee nicht überall im Land Antifa-Krawalle und Black-Lives-Matter-Proteste, warum gibt es keine Grenzmauer, warum dürfen die meisten Muslime einreisen, warum hat Trump weniger illegale Einwanderer ausgewiesen als sein Vorgänger Barack Obama?

          Gewiss, auch die Justiz ist politisiert, und wenn der Wahlausgang am Ende wie anno 2000 in Florida an wenigen Stimmzetteln in einem Bundesstaat hängt, dann könnte Trump von der Ernennung Hunderter konservativer Bundesrichter profitieren. Doch so sehr es mich manchmal gruselt, wie sich die Kongress-Republikaner Trump unterworfen haben: Ich glaube nicht, dass ihre Loyalität sowie die der Richterschaft und gar der Sicherheitskräfte ausreicht, um Trump mit der Idee durchkommen zu lassen, Briefwahlstimmen in ganz großem Stil für ungültig zu erklären. Sehr viel besser kann ich mir vorstellen, dass Trump in einem solchen Szenario eine wochenlange Show inszeniert – aber nicht bis zu dem Punkt, an dem ihn Secret-Service-Agenten aus dem Weißen Haus tragen.

          Jetzt habe ich mich doch recht weit aus dem Fenster gelehnt. Hoffentlich wird das Szenario nie eintreten und wir erfahren nie, wie weit Trump den Kampf um die Macht tatsächlich treiben würde.

          Und was sagen die Zahlen? Heute will ich mal nicht auf Umfragen schauen, sondern aufs Geld. Wenn man sich ansieht, in welchen Staaten die beiden Kandidaten und ihre jeweiligen Unterstützergruppen bisher wie viel Geld ausgegeben haben, bekommt man ein gutes Gespür dafür, wo Biden und Trump ihre besten Chancen sehen, etwas zu bewegen. Besonders fällt Pennsylvania ins Auge: Bis Ende August hat „Team Biden“ dort Werbung für 44 Millionen Dollar geschaltet, „Team Trump“ für 33 Millionen.

          Das entspricht ziemlich genau den Summen, die beide Seiten schon in Florida verpulvert haben – nur dass im Sunshine State fast doppelt so viele Menschen leben. In Pennsylvania, wo Biden geboren wurde, hatte Hillary Clinton 2016 knapp gegen Trump verloren. Biden will Clintons Fehler vermeiden und investiert deshalb überdies stattliche Summen, um in Michigan und Wisconsin zu gewinnen. Früher mussten Demokraten um diese Staaten nicht kämpfen, doch Trump setzte sich durch.

          Noch 2016 durfte auf keiner Liste entscheidender Schlachtfeldstaaten Ohio fehlen, der Staat zwischen Pennsylvania und Michigan. Doch Biden hat dort nur 3,4 Millionen Dollar ausgegeben, scheint sich also damit abgefunden zu haben, dass Trump dort gewinnt. Dass es aufgrund des demographischen Wandels eine echte Chance für Biden geben könnte, traditionelle Republikaner-Hochburgen wie Texas oder Georgia zu erobern, ist zwar Gegenstand unzähliger Zeitungsanalysen. Biden selbst scheint aber nicht daran zu glauben – in beiden Staaten hat er noch deutlich weniger Geld ausgegeben als Trump. Wenn im Süden eine kleine Sensation möglich sein sollte, dann sehen Bidens Leute die Chance dazu offenbar in Arizona. In dem Sieben-Millionen-Einwohner-Staat haben sie schon gut 20 Millionen Dollar ausgegeben, etwas mehr als die Gegenseite.

          Auf die Ohren: Wie jeden Mittwoch ging es auch beim jüngsten F.A.Z.-Podcast für Deutschland um den Wahlkampf in Amerika. Mit Außenpolitikchef Klaus-Dieter Frankenberger habe ich über die Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft geredet. Unsere Moderatorin Kathrin Jakob hat obendrein das Schweizer Fotografenpaar Mathias Braschler und Monika Fischer interviewt, die voriges Jahr monatelang durch die Vereinigten Staaten gereist sind und Amerikaner aus allen Schichten befragt und porträtiert haben. Hören sie rein!

          Weiterlesen: Einige dieser beeindruckenden Porträtfotos von Braschler und Fischer zeigen wir hier zu einem Essay, in dem ich für den Bildband „Divided We Stand“ der Frage nachging, wie Amerika an diesen heiklen Punkt seiner Geschichte kommen konnte. Frauke Steffens hat hier zusammengefasst, was Trump dem berühmten Enthüllungsjournalisten Bob Woodward anvertraut hat, von Corona bis Superwaffe. Wenn auch Sie sich fragen, wer nach der Wahl womöglich zu den Gewehren greifen könnte, dann sollten Sie hier den erhellenden Text unseres Washington-Korrespondenten Majid Sattar über die Milizen lesen, die es auf beiden Seiten des Grabens gibt. Und hier seinen Artikel über einen Vorgang, der Trump offenbar zu schaffen macht: Enthüllungen über despektierliche Worte, mit denen der Oberbefehlshaber gefallene amerikanische Soldaten bedachte.

          Haben Sie eine gute Woche!

          Ihr Andreas Ross

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