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Amerika wählt : Könnte Trump ein Scheinsieg genügen?

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Bild: F.A.Z.

Gut möglich, dass die ersten Ergebnisse am 3. November Trump deutlich vorn sehen – bis die Briefwahlstimmen gezählt werden. Will der Präsident das nutzen, um an der Macht zu bleiben? Oder hat er einen anderen Plan?

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          Liebe Leserin, lieber Leser,

          die amerikanische Präsidentenwahl von 2016 hielt eine wichtige Auffrischungslektion für alle Journalisten bereit: Unser Job ist es nicht, den Ausgang einer Wahl vorherzusagen. Mit zwei Prognosen für den November dieses Jahres lehne mich wohl trotzdem nicht zu weit aus dem Fenster. Erstens: Obwohl der Amtsinhaber Emotionen wie kaum ein Vorgänger schürt – die einen lieben Donald Trump, und die anderen lieben es, ihn zu hassen –, dürfte die Wahl recht knapp ausgehen. Denn wegen des grassierenden Lagerdenkens gibt es nur noch wenige Wechselwähler. Zweitens: Eine knappe Niederlage würde Trump nicht ohne weiteres anerkennen.

          Mit Dauer-Attacken auf das Briefwahl-Verfahren bereitet der Präsident bekanntlich seit Monaten den Boden für die Anfechtung eines Sieges des Demokraten Joe Biden. Trump kalkuliert dabei, dass mehr Briefwahlstimmen für Biden als für ihn abgegeben werden. Denn zwei wesentliche Teile der demokratischen Wählerklientel – mobile Akademiker und abgehängte Randgruppen – nutzten in der Vergangenheit die Briefwahl überproportional. Andererseits könnte Trump die Rechnung ohne die Pandemie gemacht haben. Auch ältere Republikaner-Wähler auf dem Land dürften dieses Jahr das Schlangestehen im Wahllokal scheuen.

          Behält Trump aber recht mit seiner Prognose (was gut sein kann), dann wird ein Szenario wahrscheinlich, das vielen Demokraten Angst einjagt: ein Scheinsieg Donald Trumps. Denn zuerst werden in den meisten Bundesstaaten die im Wahllokal abgegebenen Stimmen ausgezählt und die jeweiligen Ergebnisse mitgeteilt. Wenn überproportional viele Trump-Anhänger in wichtigen „Schlachtfeldstaaten“ tatsächlich ins Wahllokal gegangen sein sollten, dann werden die Fernsehsender also zunächst einen womöglich deutlichen Vorsprung des Amtsinhabers anzeigen.

          Die Auszählung der Briefwahlstimmen danach dauert lange: Das äußere Kuvert muss geöffnet, zur Identitätsüberprüfung die Unterschrift des Wählers mit der im Wählerregister hinterlegten Unterschrift verglichen, dann erst der innere Umschlag geöffnet und der Wahlzettel ausgewertet werden. Wenn jetzt vor allem Demokraten diesen Weg der Stimmabgabe wählen sollten, und zwar wegen Corona viel mehr als sonst, dann könnten sie die am Wahlabend gezeigten Trends umkehren. Wenn das aber erst nach ein bis drei Tagen passiert, hätte Trump viel Zeit, seinen Anhängern weiszumachen, sie erlebten gerade in Zeitlupe mit, wie ihm die Demokraten „den Wahlsieg stehlen“.

          Es kommt für Bidens Leute also darauf an, die Erwartungen der Wähler an ein verlässliches Ergebnis am Morgen nach der Wahl zu dämpfen. Doch das ist heikel. Denn wenn nur Demokraten darauf hinweisen, dass man nicht wie in früheren Wahlen dem trauen dürfe, was am frühen Morgen des 4. Novembers über die Bildschirme läuft, dann setzen sie sich in einer zunehmend verschwörungstheoretisch veranlagten Gesellschaft jetzt schon dem Verdacht aus, Zeit für nachträgliche Ergebniskorrekturen zu schinden.

          Bleibt die Frage, was Trump bezweckt. Sicher scheint mir, dass Trump auf gar keinen Fall das Weiße Haus als Verlierer verlassen will. Weniger sicher bin ich mir, ob er auf gar keinen Fall das Weiße Haus verlassen will – oder eben nur nicht als Verlierer. Vielleicht bin ich da naiv; die Weltgeschichte ist schließlich voller Beispiele dafür, dass autoritär veranlagte Herrscher an der Macht kleben. Trump aber hat uns in den vergangenen Jahren wieder und wieder seinen Hang zur Opferrolle vorgeführt: Dauernd beschwert er sich, dass niemals einem Präsidenten übler mitgespielt worden sei als ihm. Außerdem hat er vielfach gezeigt, dass er seine persönlichen (Geschäfts-)Interessen über die des Landes stellt. Wie eilig hat es der heute 74 Jahre alte Präsident, seinen gesteigerten Weltruhm noch ungenierter zu Geld zu machen, als er es im Amt könnte? Einer wie Trump würde sich als vermeintlicher „eigentlicher Sieger“ sehr erfolgreich global vermarkten: Keiner schmollt inbrünstiger als er.

          Umgekehrt kann man aufgrund von Trumps bisheriger Bilanz bezweifeln, dass er die Entschlossenheit hätte, einen Verbleib im Amt auch dann durchzusetzen, wenn Biden der Sieg zugesprochen wird. Klar, rhetorisch gibt ein Trump niemals nach. Aber wenn er tatsächlich so durchsetzungsstark wäre, wie seine Leute immer behaupten – warum gibt es dann noch Obamacare und die Nato, warum erstickt die Armee nicht überall im Land Antifa-Krawalle und Black-Lives-Matter-Proteste, warum gibt es keine Grenzmauer, warum dürfen die meisten Muslime einreisen, warum hat Trump weniger illegale Einwanderer ausgewiesen als sein Vorgänger Barack Obama?

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