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: Neun Sekunden

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Als die Rettungshubschrauber den "OP North" verlassen hatten, lag der Attentäter Sayed Afzal noch immer dort, wo ihn der junge Oberstabsgefreite Kai Wilhelm (Name geändert) erschossen hatte. Innerhalb von Sekunden war ihm gelungen, ...

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          Als die Rettungshubschrauber den "OP North" verlassen hatten, lag der Attentäter Sayed Afzal noch immer dort, wo ihn der junge Oberstabsgefreite Kai Wilhelm (Name geändert) erschossen hatte. Innerhalb von Sekunden war ihm gelungen, was seine Terrorverbündeten in fünf Monaten nicht geschafft hatten. Angetan mit der Uniform eines afghanischen Soldaten tötete er drei Deutsche und zerstörte das Vertrauen der Bundeswehr in ihre einheimischen Partner. Es war ein heimtückischer Angriff, dem leicht zehn deutsche Soldaten zum Opfer hätten fallen können. Nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass Wilhelm seine eigene Ermordung und die seiner Kameraden verhindern konnte.

          Die 182 Glieder einer Panzerkette sind jeweils mit zwei Gummis gepolstert. In Afghanistan müssen die Polster des Schützenpanzers "Marder" alle zweihundert Kilometer gewechselt werden, weil sie auf den Schotterpisten schnell porös werden. Beim "Kettenklopfen" wird jedes Polster mit Brechstange und Vorschlaghammer aus der Verankerung gelöst. Es ist Knochenarbeit. Um schneller fertig zu werden, haben sich am Vormittag des 18. Februar dieses Jahres gleich zehn Grenadiere auf dem afghanischen Außenposten "OP North" um einen "Marder" versammelt. Sie sind im süddeutschen Regen stationiert und seit mehr als fünf Monaten am Hindukusch eingesetzt. In wochenlangen Kämpfen haben sie als Teil eines 600 Mann starken Kampfverbands die Aufständischen im sogenannten Autobahndreieck in der Provinz Baghlan vertrieben. Stets kämpften sie dabei Seite an Seite mit afghanischen Soldaten. Sie teilten ihr Wasser, mitunter auch ihr Essen mit den Kameraden. Die Mission der Panzergrenadiere ist nun bald zu Ende, in zwei Wochen sollen sie nach Hause fliegen.

          Der "Marder" steht am Rand eines sandigen Parkplatzes am Fuß des "OP North". Das "OP North" ist ein Hügel, von dem gekieste Straßen abgehen, die vor wenigen Monaten erst in den Berg gefräst wurden. Die Wege schlängeln sich um den Berg bis zur Spitze. Dort befinden sich der deutsche Gefechtsstand samt Hubschrauberlandeplatz und die Zelte der Kompanien und Züge. Afghanische Soldaten bewachen die Zufahrt zu dem provisorischen Außenposten, es ist der einzige befahrbare Eingang zum "OP North". Den einzigen Schatten spendet ein fensterloses Gebäude, das "weiße Haus". Es dient den afghanischen Soldaten als Gefechtsstand und Lagerstatt.

          Deutsche und Afghanen leben gemeinsam auf dem Stützpunkt, und sie vertrauen einander. Die zehn Panzergrenadiere tragen deswegen weder Helme noch Schutzwesten, als sie mit dem "Kettenklopfen" beginnen. Es handelt sich um erfahrene Fahrer, Bordschützen und Panzerkommandanten, die schon Dutzende Ketten geklopft haben. Georg Missulia muss kaum eingreifen. Der 30 Jahre alte Hauptfeldwebel ist stellvertretender Führer des Charly-Zuges, einer Einheit, die aus acht Schützenpanzern und ihren dreiköpfigen Besatzungen besteht. Die Soldaten schätzen Missulia als professionellen und zuverlässigen Vorgesetzten, der sich um seine Untergebenen kümmert. Die Soldaten scherzen und lachen, als sie mit den Vorschlaghämmern auf die Abschlagdornen der Gummipolster eindreschen. Der Krieg liegt bald hinter ihnen, sie haben es fast geschafft.

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