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Abschied von alten Zeiten : Konsens statt Krawall

  • -Aktualisiert am

Bild: extra3/Getty

Die Aufteilung der deutschen Politik in zwei Lager löst sich auf. Neue Bündniskonstellationen treten stattdessen auf: von Kiwi bis Kenia und Ampel. Hat Helmut Kohl das alles vorausgesehen?

          Das waren noch Zeiten: Schwarz-Gelb gegen Rot-Grün. Das bürgerliche Lager gegen die Linke. Wer gegen das von den jeweiligen Wortführern verordnete Lagerdenken verstieß, geriet in den Verdacht des Abweichlertums, des Verrats oder mindestens der politischen Naivität. Winfried Kretschmann etwa, dessen „ökolibertäre“ Freunde bei den Grünen schon früh in den achtziger Jahren über „Schwarz-Grün“ philosophierten, bei den Hessen-Realos um Joseph „Joschka“ Fischer, die eine Zusammenarbeit mit der SPD nicht an Spekulationen über eine Zusammenarbeit mit der Partei Helmut Kohls („Birne“ genannt) scheitern lassen wollten.

          Der wiederum warf den Grünen vor, nichts als Hass in die politischen Auseinandersetzungen getragen zu haben. Heiner Geißler, Kohls CDU-Generalsekretär, operierte mit dem Satz, die „Friedensbewegung“ habe „Auschwitz erst möglich gemacht“. Und doch: Geißler hatte sich des Verdachts in den Unionsparteien zu erwehren, die Partei nach Links-Grün zu öffnen. Er fuhr zweigleisig – taktischer Notwendigkeiten wegen. Die FDP stellte zwar nach der „Wende“ 1982, als sie vom Bündnis mit der SPD (unter Bundeskanzler Helmut Schmidt) zu Helmut Kohl gewechselt war, die Behauptung auf, sie sei nicht dem „Lagerdenken“ verhaftet. Doch das stimmte nicht. Sie ging immer mit der CDU.

          Hat Helmut Kohl immer schon alles vorausgesehen? Eine Geschichte aus dem Jahr 1989 gibt es. Hermann Gröhe, ein junges CDU-Mitglied vom Niederrhein, wollte sich um den Vorsitz der Jungen Union bewerben. Kohl bat ihn zu sich. Das Gespräch soll so verlaufen sein. Kohl, damals noch keine 60, zu Gröhe: Ihr zählt mich doch zum alten Eisen. Gröhe, fast dreißig Jahre jünger, zu Kohl: Nein, nein. Kohl: Doch. Ich habe, als ich mal bei Adenauer war, es auch so empfunden.

          Lang, lang her

          Wenig später, im Bundestag, trafen sich Gröhe und andere junge CDU-Bundestagsabgeordnete mit Altersgenossen von den Grünen. In ihrer Partei wurden sie schierer Dummheit geziehen, und CSU-Abgeordnete benutzten Kraftausdrücke, die auch heute noch, 30 Jahre später, der sogenannten Gossensprache zuzurechnen sind. Im Bundestag gäbe es dafür Empörung und einen Ordnungsruf.

          Lang, lang her. Edmund Stoiber würde bedauernd anfügen: verdammt lang. Der CSU-Politiker, ein „Unruheständler“ sondergleichen, der als junger CSU-Generalsekretär noch in die „Schule“ von Franz Josef Strauß gegangen war, sprach kürzlich von einer „Art Einheitspartei“, die sich gebildet habe und welche die CSU „so nie mitmachen“ werde. „Einheitspartei“ – das erinnert an den Begriff von den sogenannten Blockparteien der DDR. Soll es wohl auch. Stoiber nennt auch die Anführerin: Angela Merkel. Angehörige dieser nicht existenten Partei: CDU, SPD, Grüne und noch dazu Teile der Linkspartei. Stoibers Bestrebung, seiner CSU ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen, erinnert ein wenig an diesbezügliche Versuche der FDP.

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