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Neue Kriege : Kamerad Talib

Soldaten kämpfen heute gegen einen unsichtbaren Feind. Zwar ist der gut organisiert und teils auch ebenso bewaffnet. Aber er trägt zivil und taucht im Alltag unter. Nur so hat er Chancen – und die nutzt er.

          Der Fall des von den Taliban entführten amerikanischen Soldaten Bowe Bergdahl hat großes Aufsehen erregt. Dabei mischte sich unter die Freude über seine Freilassung die Sorge, er sei womöglich desertiert. Doch bemerkenswert war vor allem die von den Taliban gefilmte Übergabe des Gefangenen: Die mit dem Hubschrauber gelandeten amerikanischen Spezialkräfte in „Räuberzivil“ schüttelten den Taliban die Hände, klatschten sie geradezu ab: Zum Abschied winkte man einander zu, fast wie unter Freunden.

          So sieht Krieg heute aus. Allenfalls noch auf einer Seite stehen Soldaten, die als solche gekennzeichnet sind. Die Nato-Truppen in Afghanistan wie auch die israelischen Verbände in Nahost kämpfen gegen einen unsichtbaren Feind. Zwar ist der gut organisiert und teils auch ebenso bewaffnet. Aber er trägt zivil und taucht im Alltag unter. Nur so hat er Chancen – und die nutzt er. Dieser Feind ist kaum zu bekämpfen, ohne dass Unbeteiligte zu Schaden kommen. Nur wenn es viele unschuldige Opfer gibt, kann er mächtige Armeen in die Knie zwingen. Denn die regulären Soldaten sind dazu verpflichtet, zivile Opfer zu vermeiden – nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch, weil sie sich in ihrer Heimat nicht „Kindermörder“ schimpfen lassen wollen. Zwar gibt es bemerkenswerte internationale Bemühungen, das Kriegsrecht fortzuentwickeln, damit Aufständische besser bekämpft werden können. Aber es ist offenkundig, dass der Krieg unter bewusster Inkaufnahme ziviler Opfer unter der eigenen Bevölkerung – oder gar mit deren gezielter Tötung – der Krieg der Zukunft ist. Denn er ist erfolgreich.

          Zwar haben die Vereinigten Staaten den Begriff „illegaler Kämpfer“ erfunden, und noch immer sitzen Gefangene im Sonderlager Guantánamo. Aber nicht ohne Grund nennt Amerika die Taliban nicht Terroristen, sondern Aufständische. Daraus spricht eine gewisse Anerkennung, die sich eben auch bei der Freilassung Bowe Bergdahls zeigte. Die Taliban zeigten am Ende ihres Propaganda-Videos den Spruch: „Kommt nicht nach Afghanistan zurück.“ So wird es sein. Der amerikanische Respekt vor den Taliban ist der vor den Quasi-Siegern auch diese Afghanistan-Krieges.

          Der neue Krieg ist total

          Natürlich werden auch heute noch Gebiete mit Hilfe von Panzern annektiert; Putin hat das auf der Krim gezeigt. Doch selbst dort handelten Spezialeinheiten ohne Hoheitszeichen. Und Panzer feuern kaum noch auf Panzer. Die Konflikte von heute und morgen werden von Nachrichtendiensten, elektronischer Aufklärung, präzisen Schlägen aus der Luft und von Spezialkräften entschieden.

          Doch von all dem will man hierzulande nichts wissen. Auf humanitäre Gründe sollte man sich dabei aber nicht berufen. Denn die Bomben und Granaten im konventionellen Krieg töten kaum zielgenau. Warum soll es humaner sein, ein Artilleriegeschoss über dreißig Kilometer mit recht großer Streubreite abzufeuern als vor dem Bildschirm ein Ziel ganz genau auszumachen? Entscheidend ist, was Menschen aus dieser Technik machen: So ist es verständlich, dass für Israel, das sich gegen die Raketenangriffe wehrt, die Urheber solcher Angriffe legitime Ziele sind. Wer freilich das Haus eines Hamas-Führers gezielt zerstört und dabei auch seine Familie tötet, der verstößt gegen grundlegende menschenrechtliche Prinzipien. Dass Israels Feinde das ständig tun, muss immer wieder erwähnt werden, macht die eigene Tat aber nicht besser.

          Denn der neue Krieg ist insofern total, als eine überwältigende Technik zur Verfügung steht. Das kann aber nicht bedeuten, dass jeder ein potentielles Opfer ist. Mehr als je zuvor muss der Einzelne geschützt werden, müssen die Rechte von Verdächtigen gewahrt werden. Aber auch die Rechtsstaaten müssen denjenigen nachgehen, die sich verdächtig machen. Bestimmte Merkmale können da Anlass sein, sich jemanden genauer anzuschauen: Reisen ins syrische Kriegsgebiet, Aufrufe radikaler Seiten im Netz, Mitgliedschaft in islamistischen Vereinigungen. Mit Totalüberwachung hat das nichts zu tun. Es ist im Gegenteil merkwürdig, wenn etwa der deutsche Justizminister nichts dabei findet, mehr und mehr anstößige Bilder im Internet unter Strafe zu stellen, gleichzeitig aber die Vorratsdatenspeicherung für tot erklärt. Da kann sich der Rechtsstaat gleich tot stellen. Es geht darum, Bedrohungen Herr zu werden, um Opfer zu vermeiden.

          Große Kriege drohen freilich nicht unmittelbar: Regierungen werden es sich sehr gut überlegen, ob sie nach den Erfahrungen im Irak und in Afghanistan mit regulären Truppen in halbzerfallene Staaten einmarschieren. Die Konsequenz ist dann freilich, dass unter Umständen Unrechtsregime geduldet werden müssen; die Forderung nach wirksamer globaler Durchsetzung der Menschenrechte wird dann eine Floskel bleiben. Interveniert wird nur noch kurz und gezielt, wenn eigene Interessen betroffen sind, etwa Ausbildungslager für Terroristen, die den Westen bedrohen. Ansonsten wird man Gruppen wie den Taliban ihren „Gottesstaat“ zugestehen, der für uns überhaupt nicht göttlich ist. Und sie als Krieger und sogar als Kameraden behandeln.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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