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Neue Gauland-Biographie : Die AfD kann überall für Aufruhr sorgen

  • -Aktualisiert am

Der Schein auf den Fernsehbildschirmen

Diese Melange sah er an diesem Abend in Dresden vor sich. Und er sah darin die Chance, sie der AfD zuzuführen. Schließlich ist sein Ziel, eine milieuübergreifende Volkspartei aus ihr zu machen. Dafür muss man sie alle mitnehmen. Vor allem auch die Unzufriedenen und Zornigen, die sich von den anderen nicht mehr vertreten fühlen. Wer aber behauptete, dass bei Pegida Rechtsextremisten mit am Werke waren oder in Scharen mitliefen, wurde lautstark der Lüge bezichtigt. Auf den Fernsehbildern waren für die Zuschauer daheim jedenfalls keine Rechtsextremisten zu erkennen.

Nach seinem Abendspaziergang in Dresden behauptete auch Gauland vielfach in Fernsehinterviews, dass er bei Pegida keine Rechtsradikalen gesehen habe. Der leutselig wirkende ältere Herr wurde kurzzeitig zum öffentlichen Zeugen für die Bürgerlichkeit von Pegida. Die hybride Strategie, mit der Russland zu dieser Zeit Krieg in der Ostukraine führte und mit einer Armee ohne Hoheitszeichen die Krim besetzte, hatte auch an der Elbe Erfolg. Soldaten? Welche Soldaten? So werden unumkehrbare Fakten geschaffen. Ist das Ziel erreicht, fragt später niemand mehr nach den Methoden.

Gauland kehrte am Abend nach der Demonstration mit seiner Reisegruppe bei einem akzeptablen Italiener in der Dresdener Neustadt ein. Bei Pasta und Rosé besprach er sich dort mit seinen Leuten. Sie waren jetzt ein wichtiger Teil einer Sammlungsbewegung, die allmählich größer und wirkmächtiger wurde. Mit dieser Erkenntnis kehrte der Ost-West-Versteher nach Potsdam zurück.

Fortan bestimmte diese Erkenntnis sein parteipolitisches Handeln, sein Auftreten wurde radikaler, zumindest immer dann, wenn er vor der Bewegung sprach. Er gewöhnte sich an, bei solchen Gelegenheiten, vor allem im Osten, stets ein, zwei Aussagen in seine Reden einzubauen, die sich mindestens am Rande des Sagbaren bewegten und geeignet waren, genau diesen Rahmen weiter auszudehnen. Um seine wütenden Zuhörer zum Jubeln zu bringen.

„Entsorgen! Entsorgen!“

Das Pegida-Moment war der Punkt, hinter den es nun kein Zurück mehr gab von seiner pragmatisch eingeleiteten Selbstradikalisierung. Seither sind verbale Provokationen bei ihm Programm. Vieles davon passt er der Situation an, den Erwartungen seines jeweiligen Publikums, auf die er spontan reagiert. So wie bei seiner Beleidigung gegen die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz.

Auf einer Veranstaltung im Eichsfeld in Thüringen rief er unter dem Jubel der Zuhörer: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“

Sein damaliger Referent René Springer erinnert sich, dass „Entsorgen“ nicht in seinem Manuskript stand. „Der Satz, der da stand, war sinngemäß, dass ,sie nicht in dieses Amt gehört‘. Ausgerechnet im Eichsfeld sagt er dann, die muss nach Anatolien entsorgt werden. Da hat er sich wohl von der Emotionalität der Situation verleiten lassen.“ Nicht von der eigenen, sondern von der Emotionalität seiner Anhänger. Denn in der Heimat seines radikalen Parteifreundes Höcke war ihm damit der Jubel gewiss.

Die öffentliche Empörung folgte auf dem Fuß. So dass Gauland einige Tage später bei einem Auftritt vor Anhängern in Cottbus genau damit und mit der Beleidigung gegen Özoguz kokettierte, ohne das Wort „entsorgen“ zu wiederholen: Aber er brachte das AfD-Volk auf der Straße dazu, „Entsorgen! Entsorgen!“ zu skandieren.

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem am 18. September erscheinenden Buch: Olaf Sundermeyer: Gauland. Die Rache des alten Mannes, © Verlag C.H.Beck oHG, München 2018.

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