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Berliner Abgeordneter : Dann wurde „Pirat“ Claus-Brunner zum Mörder

Realitätsverlust und Depressionen: neue Details zum Fall des Berliner Piraten-Politikers Claus-Brunner Bild: dpa

Ein Abgeordneter der Piraten bringt einen Freund um, dann tötet er sich selbst. Weggefährten von ihm suchen auf Twitter nach Erklärungen für seine grausame Tat.

          Als am Montag bekannt wurde, dass der Berliner Piraten-Abgeordnete Gerwald Claus-Brunner tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde, zusammen mit einer weiteren Leiche, da hatten ein paar Leute in der Partei den gleichen Gedanken. Ist es H.? Die Beschreibung der Polizei passte: Ende zwanzig. Aber H. war es nicht. H. lebte und ging ans Telefon.

          Lydia Rosenfelder

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Claus-Brunner hat einen anderen jungen Mann umgebracht, zierlich und mit lockigem Haar, der ihn zuvor wegen Stalkings angezeigt hatte. Vieles über diese Tat bleibt unklar, genauso wie über den Täter. Selbst Claus-Brunners Freunde sagen, sie hätten ihn eigentlich gar nicht richtig gekannt. Aber das, was damals mit H. war, zeigt einen Claus-Brunner, der Wunsch und Realität nicht voneinander trennen kann. Einen Claus-Brunner, der andere Menschen besitzen will.

          H., der dem Opfer sehr ähnlich sieht, wurde von Claus-Brunner vor fünf Jahren umworben. Er war ebenfalls in der Piratenpartei und bekam Liebesbriefe von Claus-Brunner, fand wiederholt Pralinen in seinem Briefkasten. Das Werben wurde immer zudringlicher, auch als H. eine Freundin hatte, ließ Claus-Brunner nicht locker. Vor einem Stammtisch der Piraten ging Claus-Brunner auf die Freundin zu und drohte ihr: „Wenn du etwas Schlimmes mit meinem H. machst!“ Als H. vor den Weihnachtsferien eine Mitfahrgelegenheit suchte und ein anderer Pirat ihm einen Platz in seinem Auto anbot, bekam Claus-Brunner das mit und schrieb dem Piraten auf Twitter, er solle H. in Ruhe lassen. Als wäre der sein Nebenbuhler. Claus-Brunner verbreitete Lügen, behauptete, dass H. und dessen Mitbewohner, auch ein Piratenmitglied, ein schwules Paar seien, dass sie nur zum Schein Freundinnen hätten.

          Claus-Brunner hat Freunden immer nur wenig von sich erzählt. Gegenüber Journalisten gab er an, er sei auf einem niedersächsischen Bauernhof aufgewachsen, gemeinsam mit vier Geschwistern. Seine Eltern hätten ihn mit Stöcken geschlagen. Er sei ein aggressiver Jugendlicher gewesen. Seine Mitschüler hätten ihn gehänselt, weil er nach Kuhstall roch. Die Eltern hätten seine Homosexualität nicht akzeptiert. Den Kontakt zu ihnen habe er abgebrochen.

          „Seelenloser Stahlbolzen“

          Aber nun, nach dieser Geschichte, wissen viele nicht mehr, was sie noch glauben sollen. Klar ist, dass das Verhältnis zu seinem Bruder zerrüttet war. Der Bruder ist gerade aus Kanada nach Berlin gereist, um sich mit einigen Piraten zu treffen. Er hat sich auch bei denen gemeldet, die öffentlich mit Claus-Brunner abgerechnet haben, weil er sie im Abgeordnetenhaus gemobbt habe. Der Bruder bedankte sich bei ihnen. Er sprach distanziert und abgeklärt über Claus-Brunner.

          Bei den Piraten war es so: Die einen hassten Claus-Brunner, genannt „Faxe“, die anderen schlossen ihn ins Herz. Einer, der ihn nicht ausstehen konnte, sagt: Claus-Brunner sei nur durch einen irren Zufall ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen. 2011 war das, die Piraten erhielten vom Stimmenanteil her 13 Sitze, Claus-Brunner stand auf Listenplatz 14. Dazu kamen aber noch zwei Ausgleichsmandate, und Claus-Brunner war drin. Er, gelernter Kommunikationselektroniker, nannte sich einen „Arbeiter- und Bauernpiraten“ und kleidete sich auch so. Er trat provokant auf, war aber zutiefst unsicher. Die langen Beine wackelten unter dem massigen, runden Oberkörper ungelenk hin und her. Und wenn er im Plenum Reden hielt, neigte er das Kinn zur Brust und starrte aus schmalen Augen nach oben wie ein bockiges Kind.

          Ein Pseudonym im Internet von ihm lautete „seelenloser Stahlbolzen“, und einen solchen Stahlbolzen trug er häufig bei sich, fünfzig Zentimeter lang und massiv. Parteifreunde erklärten sich das so: Er habe sich verteidigen wollen, er hatte ja eine schwere Kindheit. Andere sagen, das sei seine Antwort auf die Kritik an ihm gewesen. Diese Kritik lautete: Du bist nicht in der Lage, Empathie zu empfinden, und willst immer nur mit dem Kopf durch die Wand. Einem Piratenfreund gegenüber hatte Claus-Brunner gesagt, er leide unter einen leichten Form von Autismus.

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