https://www.faz.net/-gpf-8lqu7

Berliner Abgeordneter : Dann wurde „Pirat“ Claus-Brunner zum Mörder

  • -Aktualisiert am

Mit Klartext und schwarzem Humor

Beim Bundesparteitag im letzten Jahr bewarb er sich für zwei Ämter, und während er eine Rede hielt, nahm er den Stahlbolzen in die Hand und fuchtelte damit in der Luft herum. Er trug den Stahlbolzen in seinem Armeerucksack mit sich herum. Mit diesem Rucksack kam er auch ins Abgeordnetenhaus.

Es gab Piraten, die ihn trotzdem super fanden, weil er Klartext gesprochen habe, wie sie es nennen, und sich auch mal einen derben Spruch erlaubte. Seine Leute sagen, sie schätzten an ihm, dass man mit ihm schwarzen Humor teilen konnte.

Mitarbeiter im Abgeordnetenhaus sagen, sie seien von ihm gemobbt worden. Einen hatte Claus-Brunner zur Kündigung aufgefordert – per Twitter. Ein Abgeordneter blockierte ihn dort, er habe die Beleidigungen nicht mehr lesen wollen. Fraktionssitzungen mit Claus-Brunner waren anstrengend. Man habe ihm immer wieder die Abläufe erklären müssen. Wenn ein Antrag von ihm abgelehnt worden sei, habe Claus-Brunner gesagt: „Das lehnt ihr nur ab, weil es von mir kommt.“ Er stimmte im Plenum gegen die eigene Fraktion, kam selten zu Fraktionssitzungen, brachte ohne Absprache eigene Anträge ein.

Selbstbild als Außenseiter

Ein Fraktionskollege sagt, es sei Claus-Brunner nicht darum gegangen, parlamentarisch zu arbeiten, sondern er habe sein Selbstbild als Außenseiter aufrechterhalten wollen. Die vielen tollen Möglichkeiten, sich als Abgeordneter zu entfalten, eigenständig und nur dem eigenem Gewissen verpflichtet, habe Claus-Brunner nicht genutzt.

Die Zusammenarbeit wurde immer schwieriger. Einige Abgeordnete wollten ihn ausschließen. Er saß dann da, ein zwei Meter großer Mann, heulte und sagte, er wolle nicht ausgeschlossen werden. Dazu kam es auch nicht, weil nur acht von fünfzehn Abgeordneten dafür gestimmt hatten. Nötig für den Ausschluss waren zehn. Es gab immer auch Leute, die hinter Claus-Brunner standen und behaupteten, er werde von den anderen verhöhnt. Es gab sogar Versuche, ihm psychotherapeutische Hilfe zu verschaffen, aber Claus-Brunner ging nur zweimal hin, dann ließ er es bleiben.

Einmal behauptete er, sein Twitter-Account sei gehackt worden, er hätte diesen und jenen Tweet gar nicht selbst geschrieben. In einer Fraktion voller IT-Experten kam er mit dem Argument aber nicht weit. Er konnte auch keine weiteren Angaben zu dem angeblichen Hackerangriff machen.

Endgültiger Verstoß durch die Ersatzfamilie

Für die Abgeordnetenhauswahl 2016 bekam Claus-Brunner nur noch den Listenplatz 27. Das war der endgültige Verstoß durch die Ersatzfamilie. Und so rief Claus-Brunner nachts häufiger bei Freunden an, heulend, und sagte, er habe Angst um seine Zukunft. Er fürchtete, nach Ablauf der Legislaturperiode wieder auf dem Bau arbeiten zu müssen, was er körperlich nicht mehr schaffen würde. Dazu das Mobbing durch die eigenen Leute, so stellte er es dar, und die Isolation in der Fraktion.

Es wurde immer bizarrer. Claus-Brunner sah überall Verschwörungen und erhob haltlose Korruptionsvorwürfe, etwa bei der Stiftung der Berliner Planetarien und Sternwarten. Das war auch das Thema seiner letzten Rede im Parlament, in der er seinen Selbstmord andeutete: „Ihr werdet in der laufenden Legislatur für mich am Anfang irgendeiner Plenarsitzung mal aufstehen dürfen und eine Minute stillschweigen.“

Als vor einer Woche die Nachricht über die zwei Toten in Claus-Brunners Wohnung kam, dachten enge Freunde von Claus-Brunner sofort an Jan Mirko L. Von ihm hatte Claus-Brunner in den letzten Jahren immer wieder auf Twitter geschrieben, nannte ihn „Wuschelkopf“. 2012 hatte er Journalisten erzählt, er sei frisch verliebt. Seine Freunde kannten Jan Mirko L. aus Claus-Brunners Büro, wo Jan Mirko L. kurze Zeit arbeitete. Ein guter Bekannter von Claus-Brunner sagt, er habe nie viel über sein Privatleben gesprochen, jenseits von Twitter. Im letzten Jahr habe es aber Gerüchte über einen „Sturm im Paradies“ gegeben. Einer anderen Piratin hatte Claus-Brunner erzählt, dass Jan Mirko L. einer sektenähnlichen Bewegung beigetreten sei, aus der er ihn nicht habe befreien können. Die Anhänger beten eine in Deutschland lebende Inderin an. Claus-Brunner habe Jan Mirko L. zu solchen Treffen begleitet. „Man versucht, da einen Sinn reinzukriegen“, sagt ein befreundeter Pirat. Er habe ihm so eine schreckliche Tat niemals zugetraut.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.