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Neophyten : Eine Pflanze namens Stalin

Vom Pech, zur falschen Spezies zu gehören: Forstrat Ernst im Kampf mit einem Riesen-Bärenklau Bild: Daniel Pilar

In Deutschland breiten sich giftige Pflanzen aus fremden Ländern aus. Fachleute warnen vor den Gefahren – und spüren, wie sich in die Debatte ein politischer Unterton einschleicht.

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          So schnell gebe ich nicht auf!“, sagt Forstrat Carl Ferdinand Ernst und rammt seinen Spaten neben die Knolle des Riesen-Bärenklaus. Und noch einmal, wieder und wieder. „Das ist doch anstrengender, als ich dachte.“ Vier Finger breit ist der Stengel des Exemplars, das er ins Visier genommen hat. „Warum muss ich mir auch so einen Dicken raussuchen?“ Irgendwann gibt Forstrat Ernst doch auf.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Riesen-Bärenklau, von dessen Knolle Reste in der Erde zurückbleiben, könnte also auch im kommenden Jahr wieder austreiben. Die Pflanze mit den großen weißen Dolden könnte den Forstrat dann abermals um Längen überragen. „Herkulesstaude“ (heracleum giganteum) wird der Riesen-Bärenklau genannt und – wegen seiner kaukasischen Herkunft – auch „Stalins Rache“. Mehr noch als die Wuchskraft des Riesen-Bärenklaus nötigt dem Forstrat sein Samenpotential Respekt ab: „Enorm ist das, 20.000 Samen pro Stück!“ All das wäre wohl halb so schlimm, wenn der Riesen-Bärenklau nicht auch noch so tückisch giftig wäre. Das Streicheln der Blätter allein bleibt in der Regel ohne Folgen. Wer allerdings mit dem Saft in Berührung kommt, erleidet etwa 24 Stunden später schmerzhafte Verbrennungen, für welche die im Pflanzensaft enthaltenen Furocumarine verantwortlich sind. „Bis zu Schweregrad III kann das gehen“, sagt Forstrat Ernst.

          Mit seinem zartgrünen Hemd hat Carl Ferdinand Ernst eigentlich die falsche Kleidung an, um einen Riesen-Bärenklau auszugraben. Die Profis, die der Forstrat vom Fachbereich Umwelt der Stadt Hannover mit der Bekämpfung der Pflanze beauftragt hat, tragen bei ihren Einsätzen Schutzkleidung und Gesichtsschutz. Sie werfen die Pflanzen auch nicht auf Komposthaufen, was ihre Verbreitung weiter befördern würde, sondern entsorgen sie fachgerecht. Der Laie sollte Reste des Riesen-Bärenklaus in seinem Garten in die Restmülltonne werfen. Der Riesen-Bärenklau zählt zu den sogenannten Neophyten, den eingeschleppten Pflanzenarten. Insgesamt gibt es rund 2500 von ihnen in Deutschland. 45 davon zählen zu den „invasiven“ Neophyten. Das heißt, sie verdrängen durch ihr hohes Vermehrungspotential einheimische Arten.

          In der Wedemark vor der Stadtgrenze der niedersächsischen Landeshauptstadt zeigt der Forstwirt und Diplomökologe, wie der Riesen-Bärenklau sich über ein Gebiet hergemacht hat. „Da gehen Ihnen die Augen über“, hatte Ernst angekündigt, als er morgens in der Hannoveraner Innenstadt losfuhr. Übertrieben hat er nicht. Neben einem Weizenfeld nimmt der Riesen-Bärenklau in einem schmalen Waldstreifen mittlerweile ein Gebiet in der Größe eines kleineren Fischteiches für sich in Anspruch. Alleine für sich. Im August ist die Pflanze schon lange keine Schönheit mehr. Die Blütezeit ist vorbei, reif und trocken hängen die Samen büschelweise an den braungetrockneten Dolden. „Dieses Stillleben hier hat sich binnen zehn Jahren entwickelt“, erklärt der Forstrat, während er zur anderen Seite des Waldstücks läuft.

          Der Riesen-Bärenklau hat sich durch den Wald hindurch geschlängelt und macht sich mittlerweile in einem Stück Wiese breit, dessen Nutzung sich für den Landwirt offenbar nicht lohnt. Der Bauer mäht die Pflanzen zwar nieder – nur bringt das wenig. „Nächstes Jahr steht der Riesen-Bärenklau nebenan in seinem Weizen drin“, sagt Ernst. „Der wird sich noch wundern.“ Die einzig erfolgversprechende Bekämpfung des Riesen-Bärenklaus sei das konsequente Ausgraben seiner Knollen, erklärt der Forstrat. Auf Herbizide verzichtet er aus grundsätzlichen wie praktischen Gründen. Auch könne man großflächig dicke Folien über die betroffenen Stellen ausbreiten. Wegen des Vandalismus und der Neugier mache dies aber in städtischer Umgebung wenig Sinn, sagt Ernst. Mit dem Ausgraben konnte die Stadt Hannover auf etwa einem Dutzend größerer Flächen Erfolge erzielen. Im ersten Jahr ist das enorm arbeitsaufwendig. Im zweiten Jahr sinken die Kosten bereits um dreißig Prozent und dann immer weiter. Nach fünf bis sieben Jahren hat man das Problem im Griff. Da die Samen etwa 15 Jahre im Boden überleben könnten, bleiben Nachkontrollen aber unabdingbar.

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