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Nato-Manöver „Sea Shield“ : Standhaft an der Südostflanke

Blick gen Osten: Ein Ausguck der rumänischen Fregatte „König Ferdinand“ Bild: Lorenz Hemicker

Die Nato schickt immer häufiger Schiffe ins Schwarze Meer. Sie werden argwöhnisch beobachtet vom russischen Militär. Ein Besuch an Bord.

          Festhalten!“, ruft der Steuermann, dann graben sich die Schiffsschrauben ins Wasser, und das Schlauchboot schießt wie ein Pfeil über die See. Fahrtwind und Gischt peitschen auf das Gesicht. Plötzlich taucht aus dem Nebel eine dunkle Silhouette auf, die „König Ferdinand“, eine rumänische Fregatte. Das Schlauchboot macht am Heck des Schiffes fest. Über eine Strickleiter führt der Weg aufs Deck unterhalb des Hubschrauberlandeplatzes. Ein Schild weist darauf hin, dass offenes Feuer hier verboten sei. Daneben kauern Seeleute auf Holzbänken und ziehen an ihren Morgenzigaretten.

          Der letzte Tag von „Sea Shield“ ist angebrochen, einer Militärübung der Nato unter Führung der rumänischen Marine. Es ist die fünfte ihrer Art. Zwanzig Kriegsschiffe aus sechs Bündnisstaaten sind daran beteiligt, darunter auch Fregatten des ständigen Nato-Einsatzverbandes, die dafür ins Schwarze Meer eingelaufen sind. Hinzu kommen rumänische Kampfflugzeuge sowie kleinere Einheiten. Zusammengerechnet hat die Nato rund 2200 Soldaten versammelt, die vor allem eines üben sollen: gemeinsam auf See zu kämpfen. Die Rahmenhandlung bei solchen Übungen ist erfunden, Russland wird mit keinem Wort erwähnt. In persönlichen Gesprächen in Bukarest lassen rumänische Minister und ranghohe Generäle aber keinen Zweifel daran, welches Land mit dem Manöver abgeschreckt werden soll.

          Auf den engen Gängen der „König Ferdinand“ herrscht Betriebsamkeit. Seeleute bewegen sich in ihren lila-blauen Flecktarnuniformen durch das Schiff. Viele finden Zeit für ein Lächeln, manche auch für ein kurzes Gespräch. Über die gestrige Schlappe ihrer Fregatte bei der Übung verliert aber niemand ein Wort. Die Fregatte gehörte dabei zu den Guten; sie sollte sich gegen die gegnerischen Boote verteidigen. Das war ihr offenbar nicht gelungen, wie die Worte eines Kommandeurs der rumänischen Korvettenflottille in der Nacht zuvor vermuten lassen. Bei einer Zigarette in der Nacht auf dem Deck der „Zborul“ hatte er keinen Hehl aus seiner Freude gemacht. „Wir haben die Fregatten ganz schön geärgert“, sagte Adrian Dinka.

          Doch heute haben die Schiffe mit einem anderen Problem zu kämpfen. Eigentlich hätten anspruchsvolle Fahrmanöver auf dem Plan gestanden. Die knapp 150 Meter langen Fregatten sollten auf kürzester Distanz nebeneinander fahren. Daraus wird nichts mehr: das Wetter. Auf der Brücke der „König Ferdinand“ nimmt Kapitän zur See Marian Ciobotaru auf einem Sessel Platz und zieht seine weiße Feuerschutzmaske auf. Den Kommandanten der Fregatte bringen die Unwägbarkeiten des Meeres nicht aus der Ruhe. Er hat sich entschlossen, seine Besatzung an diesem Tag noch einmal anderweitig zu fordern. Während der Gefechtsturm mit seinem 76-Millimeter-Geschütz hart backbord schwenkt und die im Dunst zu sehende niederländische Fregatte „Evertsen“ ins Visier nimmt, schieben steuerbord ein Dutzend Soldaten einen schwarz schimmernden Torpedo über das Deck und wuchten ihn anschließend in ein Rohr. Es zielt auf die kanadische Fregatte „Toronto“. Das simulierte Gefecht zieht die

          „König Ferdinand“ in Mitleidenschaft. Ein Feuerschutztrupp aus vier Mann rückt dem fiktiven Feuer am Buggeschütz mit einem Schlauch zu Leibe und hüllt die Kanone in eine Wasserwolke ein. Dann unterbricht der Kommandant die Übung. Ciobotaru setzt die Maske ab und tritt hinaus. Zufrieden lässt der großgewachsene Mann seinen Blick über das Meer schweifen. Das Manöver sei gut verlaufen und habe seiner Crew enorm viel gebracht, sagt er.

          Mit 18 Jahren ist Ciobotaru der Marine beigetreten. Es war zu einer Zeit, als die Scorpions vom „Wind of Change“ sangen, der die kommunistischen Regime in Europa eines nach dem anderen fortblies, und als die politischen Führer dem Ruf nach Freiheit auf den Straßen nachgaben – in Rumänien waren sie bereits hingerichtet worden. Damals, als der Kalte Krieg zu Ende ging, der Warschauer Pakt sich auflöste, stürzte auch die Nato in eine Sinnkrise. In diesen Tagen ist es Ciobotarus Tochter, die 18 Jahre alt wird. Wenn alles nach Plan läuft, könnte der Kommandant es nach Wochen auf See gerade pünktlich nach Hause schaffen. Ciobotarus Tochter wächst in eine andere Welt hinein. Inzwischen bezeichnet Russlands Staatspräsident Putin Rumänien als Bedrohung. Das Land an der Südostgrenze des Bündnisses rückt ins Fadenkreuz russischer Marschflugkörper.

          Vom Heck der „König Ferdinand“ dringt das Geräusch startender Triebwerke nach vorne. Kurz darauf rauscht der Bordhubschrauber im Tiefflug vorbei, Kurs Konstanza. Im Hafen der rumänischen Küstenstadt und in anderen Landesteilen findet parallel zu „Sea Shield“ die größte Sanitätsübung in der Geschichte der Nato statt. Die „König Ferdinand“ spielt mit und schickt einen Übungs-Verletzten. Ob solche Manöver wieder überflüssig sein werden, wenn die Enkelgeneration volljährig wird? Ciobotaru denkt nach und sagt dann: „Ich bin Optimist, aber wir müssen standhaft sein.“

          Das Lied von der strategischen Bedeutung des Schwarzen Meeres singt die rumänische Regierung schon lange. Seit dem Beitritt 2004 betont Bukarest seine Rolle als verlässlicher Verbündeter an einem geostrategisch bedeutenden Gewässer – eine Perspektive, die damals noch von manchem Partner belächelt wurde. Auf den Agenden im Hauptquartier ging es um den Kampf gegen die Terrormiliz Al Qaida, um die Kriege im Irak, in Afghanistan und die schwelenden Konflikte auf dem Balkan, aber nicht um Bündnisverteidigung. Daran änderte sich auch dann noch nichts, als auf der gegenüberliegenden Seite des Schwarzen Meeres 2008 der Georgien-Krieg ausbrach, in dessen Folge Russland seine Armee umfassend modernisierte und mit hybriden Operationen begann, seine Nachbarn zu malträtieren. Erst als Russland sich 2014 die Krim einverleibte und den Krieg in der Ostukraine anfeuerte, schreckte die Nato auf.

          Die niederländische Fregatte „Evertsen“ ist in den Hafen von Konstanza eingelaufen und hat am Kai festgemacht. Als der Kommodore mit seinem Besucher die Kommandozentrale betritt, werden rasch die Laptops zugeklappt. Die Fregatte führt die „Standing Nato Maritime Group 2“, den ständigen Nato-Einsatzverband in der Region. Jemand niest. „Nur nicht emotional werden“, sagt Konteradmiral Boudewijn Boots verschmitzt und schreitet zur Seekarte an die Wand. Sie reicht bis zur Arabischen Halbinsel. Der 55 Jahre alte Marineoffizier deutet auf den Golf von Aden. Dort sei er 2012 mit der „Evertsen“ als Kommandant gewesen: Piraten jagen. Die Russen seien auf seinem Deck gelandet. Man habe zusammengearbeitet, gegessen, gelacht und sich ausgetauscht. Im darauffolgenden Jahr sei er dann als Ehrengast nach Sankt Petersburg eingeladen worden. Nun sei alles anders.

          Seit der Annexion der Krim hat Russland seine regionalen Rüstungsbestrebungen verstärkt. Die Halbinsel ist zu einem regelrechten Flugzeugträger Moskaus im Schwarzen Meer geworden. Die Zahl der stationierten Truppen und Waffensysteme steigt kontinuierlich. Russland verfolgt das Ziel, die Bewegungsfreiheit seiner Nachbarn einzuschränken. So wie im November vergangenen Jahres. Damals beschossen russische Küstenschutzschiffe einen Schlepper und zwei Patrouillenboote der ukrainischen Marine, enterten sie und nahmen die ukrainischen Seeleute gefangen. Auch an der Südostflanke der Nato erhöht Russland den Druck. Mit modernen Raketenabwehrsystemen des Typs S-400 können die russischen Streitkräfte inzwischen Nato-Militärflugzeuge über der rumänischen Küste ins Visier nehmen. Luftraumverletzungen gehören laut rumänischen Piloten zur Tagesordnung. Hinzu kommen laut Angaben aus rumänischen Regierungskreisen immer wieder neue Berichte über Propaganda, Desinformation und Cyberangriffe.

          Ähnlich wie Polen reagierte Rumänien auf Russlands neo-imperiale Gelüste mit einer Kehrtwende. Im parteiübergreifenden Konsens erhöhten die Rumänien schon 2015 ihren Verteidigungshaushalt, um dem Ziel der Nato-Selbstverpflichtung von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts näher zu kommen. Jeder dritte Euro fließt in neue Rüstungsgüter, um den Umbau weiter Teile der Streitkräfte von einer Armee für Auslandseinsätze zu einer Verteidigungsarmee voranzutreiben.

          Doch das geschieht nur zögerlich, wie sich auf See verfolgen lässt. Die „König Ferdinand“, das Flaggschiff der Rumänen, wurde von den Briten ausgemustert und 2003 an die Rumänien verkauft. Da war die „Evertsen“ noch nicht mal in Dienst gestellt. Diese Fregatte verfügt über keine senkrechte Außenwand mehr, so ist sie auf dem Radar nur schwer auszumachen. Admiral Boots sagt, er könne nicht abstreiten, „dass die Schiffe einiger Partner altern“. Die Lücke zwischen ihnen sollte nicht zu groß werden.

          Boots ist Fan von Ajax Amsterdam. Wenn er über seinen Verband spricht, klingt das manchmal wie bei einem Fußballtrainer. Er vergleicht seine Schiffe mit Stürmern und Verteidigern. Er spricht vom Teamgeist. Und wie es sich für einen Trainer gehört, zeigt er sich vor Journalisten nach dem Trainingslager mit der Leistung seiner Mannschaft zufrieden. Das Manöver sei ein perfektes Treffen gewesen. Man habe im Zusammenspiel die nächste Stufe erreicht. Außerdem hätten einige Schiffe seines Verbandes vor dem Manöver noch die Zeit genutzt, mit den Ukrainern in Odessa und den Georgiern in Poti ein paar grundlegende Übungen zu absolvieren. Auf die Frage, ob Einheiten seines Verbandes auf dem Weg zur Übung an der Krim Flagge gezeigt hätten, antwortet Boots ausweichend. Er könne keine Details nennen. Man respektiere aber die nationalen Grenzen zur See.

          Ob die Russen eine solche Demonstration beeindrucken würde, steht ohnehin dahin. Das Bündnis ist nur an 120 Tagen mit Schiffen ihrer Einsatzverbände im Schwarzen Meer präsent. Außerdem dürfen Kriegsschiffe aller Nichtanrainerstaaten höchstens 21 Tage dort verweilen. So wurde es im Vertrag von Montreux 1936 niedergelegt. Ähnlich verhält es sich an Land. Dort setzt die Nato-Russland-Grundakte der Truppenpräsenz enge Grenzen. Die Übereinkunft aus dem Jahr 1997 legt fest, dass Nato-Kampftruppen nicht dauerhaft in Staaten des ehemaligen Ostblocks stationiert werden dürfen.

          Das hat die Allianz allerdings nicht davon abgehalten, im Baltikum und in Polen in den vergangenen Jahren jeweils ein multinationales Bataillon auf Rotationsbasis zu stationieren. Die Rumänen blicken neidisch zur Nordostflanke und fühlen sich im Nachteil. Dabei ist es nicht so, dass die Nato untätig wäre. Das Bündnis unterstützt die Rumänen bei der Luftraumüberwachung. Eine multinationale Brigade ist in Craiova, ebenfalls auf Rotationsbasis, stationiert. Und in Deveselu ist ein Teil des Nato-Raketenabwehrschirms errichtet worden.

          Boots Tochter hat wenig Verständnis

          Den Rumänen ist das aber nicht genug. Aus amerikanischen Kreisen ist zu hören, in der Bukarester Regierung gebe es bereits Stimmen, die wie für das Baltikum und Polen nun ein multinationales Hauptquartier in Korpsgröße für die Südostflanke forderten. Damit ließen sich Verbände in Größen von 25000 bis 50000 Soldaten führen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat Anfang April beim siebzigsten Jubiläum der Allianz in Washington angekündigt, dass die Nato die Region stärker unterstützen werde. Details blieb er schuldig. Bis zum Treffen der Nato-Verteidigungsminister im Juni in Brüssel dürfte es dabei bleiben.

          Wenn Admiral Boots in Istanbul von Bord geht, wird er wie sein rumänischer Kamerad von der „König Ferdinand“ seine Familie in die Arme schließen. Sein Sohn und seine Tochter sind 19 und 21 Jahre alt. Vor allem mit seiner Älteren diskutiere er ständig, sagt Boots. Sie habe wenig Verständnis dafür, dass sich Russland und die Nato wieder wie im Kalten Krieg verhielten. Sie begeistert sich für die Klima-Aktivisten um Greta Thunberg. Sie argumentiert, die Menschheit müsse sich auf andere Probleme konzentrieren. Der Admiral kann nachvollziehen, warum seine Tochter so denkt. Für seine Mission ändert sich dadurch nichts. Boots wird weiter dafür sorgen, dass seine Tochter sich ihre Gedanken machen kann. Und standhalten, solange es nötig ist.

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