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Nationalsozialismus : Kleiner Beamter in der Ahnengalerie des Widerstands

  • -Aktualisiert am

Offiziell in die Reihe der Hitler-Gegner aufgenommen: Fritz Kolbe Bild: Sammlung Peter Kolbe

Fritz Kolbe verhalf den Amerikanern zu Einblicken in die Pläne der Nationalsozialisten, indem er sie über deutsche Geheimdokumente informierte. Jetzt gedenkt das Auswärtige Amt des Hitler-Gegners.

          Zum fünfzigsten Jahrestag des gescheiterten Attentats vom Juli 1944 auf Hitler war die Zeit offenbar noch nicht reif, um einen "kleinen Beamten" aus dem Konsulardienst in die Ahnengalerie des Widerstands gegen den Nationalsozialismus im Bonner Auswärtigen Amt aufzunehmen. Dabei war seit Anfang der fünfziger Jahre durch Zeitungs- und Zeitschriftenartikel bekannt, daß Fritz Kolbe seine Funktion als diplomatischer Kurier zwischen der Zentrale des alten Auswärtigen Amts in der Berliner Wilhelmstraße und der Deutschen Gesandtschaft in Bern nebenbei dazu benutzt hatte, um ab 1943 das "Office of Strategic Services" (OSS) in Kenntnis zu setzen über Hunderte von deutschen Geheimdokumenten.

          Diese gaben dem amerikanischen Geheimdienst wertvolle Einblicke in die Planungen des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Auswärtigen Amts, so daß Allen Dulles - bis Mai 1945 Leiter des OSS in Europa mit Sitz in Bern und in Washington CIA-Direktor von 1953 bis 1961 - einen eigenen Beitrag über die Bedeutung der Operation "Kappa" und des Agenten "George Wood" (so der Codename für Fritz Kolbe) in das 1968 herausgegebene Buch "Great True Spy Stories" aufnahm. Vor zehn Jahren setzte sich Klemens von Klemperer in seiner Studie "Die verlassenen Verschwörer. Der deutsche Widerstand auf der Suche nach Verbündeten 1938-1945" mit den Aktivitäten des Sonderkuriers wissenschaftlich auseinander.

          Roosevelt wurde über Kolbe informiert

          Der 1900 geborene Kolbe - ein Reichsbahnbeamter, der 1925 in den Auswärtigen Dienst wechselte - war bis 1936 als Konsulatssekretär in Madrid und 1938/39 als Vizekonsul in Kapstadt eingesetzt, dann von November 1939 bis April 1945 als Mitarbeiter des Botschafters zur besonderen Verwendung Karl Ritter, des Verbindungsmanns zwischen dem Auswärtigen Amt und dem OKW. Im Laufe seiner Dienstreisen informierte Kolbe, der übrigens nie der NSDAP beitrat, das OSS unter anderem über die Lage des Führerhauptquartiers "Wolfsschanze", die deutsche Waffenproduktion, potentielle Bombardierungsziele, einen Doppelagenten in der britischen Botschaft in Ankara, Verhaftungspläne, Judentransporte und das im Auswärtigen Amt gebrauchte Verschlüsselungssystem.

          Die Informationen erschienen immerhin so brisant, daß der amerikanische Präsident Roosevelt über den neuen Meisterspion im Zentrum des "Dritten Reiches" unterrichtet wurde. Dem Präsidenten teilte OSS-Chef General William J. Donovan am 10. Januar 1944 mit: "Die Verläßlichkeit der Quelle und des von ihr gelieferten Materials wird gerade in Washington und London überprüft. Wir werden Sie über unsere diesbezüglichen Erkenntnisse später informieren. Möglicherweise stellt die Quelle unsere erste größere Infiltration einer hohen deutschen Dienststelle dar."

          „Beste nachrichtendienstliche Quelle des Krieges“

          Die Aktionen Kolbes, der mit ums Bein gebundenen Geheimakten im Nachtzug von Berlin nach Bern reiste und diese dort anbot, ohne Geld oder irgendwelche anderen Gegenleistungen dafür zu verlangen, machten allerdings die Westalliierten mißtrauisch. Daher werteten sie das erhaltene Material nicht so aus, wie dies eigentlich hätte geschehen müssen. Ausgerechnet der britische Geheimdienst, der den deutschen Konsularbeamten 1943 noch abgewiesen hatte, pries ihn zwei Jahre später als "beste nachrichtendienstliche Quelle des ganzen Krieges" - ein Urteil, dem sich der ehemalige OSS-Mitarbeiter und CIA-Direktor der Jahre 1966 bis 1973, Richard Helms, in seinen Memoiren anschloß. Kolbes "Informationen" bezeichnete er als die besten, "die jemals ein alliierter Agent während des ganzen Krieges lieferte".

          Klemens von Klemperer stellte 1994 die entscheidende Frage, ob es sich bei Kolbe um einen Spion oder um einen Widerstandskämpfer handele. Er gab zu bedenken, daß ein Spion in der Regel professionell arbeite und selten von Überzeugungen geleitet sei, für die er kämpfen wolle. "Auch übermittelt ein Spion Informationen an eine andere, meist feindliche Partei in erster Linie um persönlicher Vorteile willen; ein Widerständler liefert dagegen einer gegnerischen Partei vor allem deshalb Informationen, weil er in einer Extremsituation keinen anderen Ausweg sieht, wobei es ihm keinesfalls um persönlichen Gewinn geht."

          „Standhafter Gegner des Nationalsozialismus“

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