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Unrecht an Nama und Herero : Deutschland will Völkermord „ohne Beschönigung“ benennen

  • -Aktualisiert am

Ein Denkmal zur Erinnerung an Völkermord an den Herero und Nama in der namibischen Hauptstadt Windhoek Bild: dpa

Deutschland erkennt die Gräueltaten an den Nama und den Herero als Völkermord an. Rechtliche Folgen hat die Einigung mit Namibia aber nicht. Der Außenminister spricht von einem „gemeinsamen Weg zu echter Versöhnung“.

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          Deutschland und Namibia haben sich auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt, die das von der früheren deutschen Kolonialmacht verursachte Unrecht an den Nama und Herero als Völkermord einstuft. Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte am Freitagmorgen, er sei „froh und dankbar“, dass es gelungen sei, eine Einigung über „einen gemeinsamen Umgang mit dem dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu erzielen“.  

          Der Einigung zufolge will Deutschland Namibia in den nächsten 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro Aufbauhilfe zahlen. Maas sprach von einer „Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde“. Ein entsprechendes Papier wurde von den Verhandlungsführern beider Länder vorläufig unterzeichnet und soll bald von den Außenministern unterschrieben werden. Damit würde ein mehr als sechs Jahre währender Verhandlungsprozess beendet.

          Deutschland wird jetzt auch offiziell von einem Völkermord sprechen

          „Im Lichte der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands werden wir Namibia und die Nachkommen der Opfer um Vergebung bitten“, sagte Maas. „Unser Ziel war und ist, einen gemeinsamen Weg zu echter Versöhnung im Angedenken der Opfer zu finden“, hob der Außenminister hervor. „Dazu gehört, dass wir die Ereignisse der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia und insbesondere die Gräueltaten in der Zeit von 1904 bis 1908 ohne Schonung und Beschönigung benennen. Wir werden diese Ereignisse jetzt auch offiziell als das bezeichnen, was sie aus heutiger Perspektive waren: ein Völkermord.“

          Namibias Regierung begrüßte die Einigung. „Die Anerkennung von Seiten Deutschlands, dass ein Völkermord begangen wurde, ist der erste Schritt in die richtige Richtung“, sagte der Sprecher von Präsident Hage Geingob, Alfredo Hengari, am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. 

          Von der Opposition kam dagegen Kritik: Eine Vertreterin der größten Oppositionspartei, Popular Democratic Movement (PDM), sprach von einer „Beleidigung“ Namibias. Deutschlands Vertreter hätten „nicht in gutem Glauben verhandelt“, zitiert die Tageszeitung The Namibian die Abgeordnete Inna Hengari. Die Vereinbarung sei zum Nachteil der Nachfahren der Herero und Nama.

          „Wenn Namibia Geld von Deutschland erhält, sollte es an die traditionellen Anführer der betroffenen Gemeinschaften gehen statt an die Regierung“, kritisiert eine Vertreterin der Partei Landless People's Movement (LPM). Auch der Oppositionsführer Mike Kavekotora von der Rally for Democracy and Progress (RDP) wirft der Regierung vor, die Nama und Herero in dem Prozess „ausgeschlossen“ zu haben: „Ich denke nicht, dass das Beste ist, was Namibias Regierung von Deutschland hätte bekommen können“.

          Steinmeier will im Lauf dieses Jahres nach Namibia reisen

          n den Gesprächen hatten Abgesandte der Regierungen beider Länder sowie Vertreter der Nama und Herero teilgenommen. Es ging zum einen um die Frage, wie die Vernichtung und Vertreibung Zehntausender Angehöriger der beiden namibischen Volksgemeinschaften durch Truppen des Deutschen Reiches zu bewerten sei. Die Taten waren zwischen 1904 und 1908 verübt worden, zu einer Zeit also, in der das heute geltende Völkerrecht noch nicht griff. Zum anderen war Thema, was Deutschland finanziell zur Aussöhnung zwischen den beiden Ländern beitragen könne.

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          Das Geld soll allerdings besonders den Volksgemeinschaften zugute kommen, denen Anfang des 20. Jahrhunderts besonders großes Unrecht widerfahren ist. Sie sollen insbesondere beim Kauf von Land, in der Landwirtschaft, bei der Versorgung mit Wasser und in der Berufsbildung unterstützt werden.

          Geplant ist namibischen Medienberichten zufolge außerdem, dass Bundespräsident Steinmeier im Lauf des Jahres nach Namibia reist, um der deutschen Bitte um Entschuldigung vor Ort Ausdruck zu geben. Geplant ist auch, dass Maas zur Unterzeichnung der Erklärung nach Windhoek reist, wie namibische Teilnehmer an den Verhandlungen der Deutschen Presse-Agentur mitteilten. Mehrfach hatten in den vergangenen Jahren Angehörige der Nama und Herero vergeblich vor Gerichten geklagt, um Deutschland zu finanziellen Entschädigungen zu zwingen.

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