https://www.faz.net/-gpf-2ect

Nahost : Zweifel am Sinn des Krisengipfels

  • Aktualisiert am

Der Gipfel in Scharm el Scheich hat begonnen, Zweifel an seiner Sinnhaftigkeit gibt es auf beiden Seiten.

          Vor palästinensischen Städten sind Panzer aufgefahren, die Bewohner dürfen in einigen Regionen ihre Häuser nicht verlassen. Zahlreiche Israelis trauen sich aus Angst vor Terroranschlägen nicht auf die Straße.

          Bei den erbitterten Kämpfen der vergangenen zweieinhalb Wochen wurden fast 100 Menschen getötet, tausende wurden verletzt. Nach Wochen voller Gewalt gibt es Zweifel auf beiden Seiten, dass der Nahost-Krisengipfel im ägyptischen Scharm el Scheich am Montag die Wunden heilen könnte. Viele Israelis
          und Palästinenser erklärten, ihre politischen Vertreter hätten zu Hause bleiben sollen.

          Das Papier nicht wert

          In der jüdischen Siedlung Elon Moreh im Westjordanland wurde in der vergangenen Woche ein Rabbi erschossen aufgefunden. Die Täter waren vermutlich Palästinenser. Die Nachbarn diskutieren jetzt Sicherheitsvorkehrungen und interessieren sich kaum für den Gipfel. "Wir sind so oft zu Gipfeln erschienen und haben Abkommen mit den Palästinensern unterzeichnet, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen, also was soll ein weiterer Gipfel bringen", sagt Rabbi Eljakim Lewanon. Israel solle stattdessen die palästinensische Polizei entwaffnen, der man nicht länger trauen könne.

          Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak und der palästinensische Präsident Jassir Arafat äußerten geringe Erwartungen an das Treffen in dem ägyptischen Badeort Scharm el Scheich. Ihre Berater erklärten, wahrscheinlich werde nur wenig erreicht. Mehrere informelle Waffenruhen wurden immer wieder gebrochen und auch ein Treffen mit internationalen Vermittlern in Paris am 4. Oktober brachte keine Entspannung. Auslöser der jüngsten Gewaltwelle war der Besuch des rechtsgerichteten israelischen
          Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Jerusalemer Tempelberg. Viele frustrierte Palästinenser glauben, Arafat werde während der Gipfels gezwungen, ein für sein Volk ungünstiges Abkommen zu unterzeichnen. "Der Kampf endet nicht mit dem Gipfel oder mit Worten. Dies ist erst der Anfang, weil es um unser Schicksal geht", sagt der Palästinenser Nader Jabari in Hebron. Er bezeichnete die USA als Teufel und erklärte, die Palästinenser würden sich nicht mit weniger als einem eigenen Staat zufrieden geben.

          Nachdem am Donnerstag in Ramallah zwei israelische Soldaten von Palästinenser gelyncht wurden, fragen sich viele Israelis, ob Barak überhaupt noch mit Arafat sprechen sollte. Barak hat erklärt, Arafat sei nicht länger ein Partner im Friedensprozess und hat bezweifelt, ob dieser die schlimmsten Ausschreitungen seit 1993 wirklich beenden
          wolle. Während des Treffens soll laut Israel nur über eine Waffenruhe verhandelt werden, nicht über den Friedensprozess. Beide Seiten wollten am Montag nicht direkt miteinander verhandeln.

          "Nicht alles unsere Schuld"

          Die Palästinenser fordern, dass die Abriegelung ihrer Gebiete aufgehoben wird und die israelischen Panzer abgezogen werden. Außerdem müsse eine internationale Ermittlungskommission die Ausschreitungen der vergangenen Wochen untersuchen. Nach dem Willen der israelischen Regierung soll Arafat die vor kurzem aus der Haft
          entlassenen militanten Extremisten wieder festnehmen und öffentlich zu einer Einstellung der Gewalt aufrufen. Barak hat erklärt, er sei bereit, eine Untersuchung der Vorgänge unter Führung der USA zu akzeptieren.

          Der Israeli Michael Norjitz hat in der vergangenen Woche seinen Bruder verloren, der in Ramallah getötet wurde. Er erklärte, es sei wichtig, dass Barak an dem Gipfeltreffen teilnehme. "Wenn Arafat die Angebote ausschlägt, sehen wenigstens alle, dass nicht alles unsere Schuld war", sagte er.

          Weitere Themen

          Warten auf ein erstes Blinzeln

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.

          Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel Video-Seite öffnen

          Livestream : Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel

          Am Mittwoch wird der neue britische Premierminister Boris Johnson zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Verfolgen Sie das Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Livestream auf FAZ.NET

          Massiver Polizeieinsatz bei Poggenburg-Demo

          Leipzig : Massiver Polizeieinsatz bei Poggenburg-Demo

          Nur wenige Teilnehmer folgen dem Aufruf des früheren AfD-Landesvorsitzenden André Poggenburg nach Leipzig. Dafür kommen 500 Gegendemonstranten und ein Polizeiaufgebot aus mehreren Bundesländern.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.
          Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.