https://www.faz.net/-gpf-6vb6r

Nahost : Nach dem Schalit-Effekt

Nach der Feier die Ernüchterung: Die Euphorie nach dem Gefangenenaustausch ist deutlich zurückgegangen. Bild: dpa

Nach dem Gefangenenaustausch mit Israel will die Hamas beim Versöhnungstreffen mit der Fatah die politischen Früchte ernten. Die Islamisten sehen sich als Sieger. Bei den Bewohnern des Gazastreifens ist die Freude verpufft.

          Munter plätschert der Springbrunnen im Innenhof des Neubaus. Auf der Terrasse wiegen sich die Palmen neben dem Pool in der Brise, die vom Meer heraufweht. Im einzigen Fünf-Sterne-Hotel von Gaza-Stadt ist wieder Ruhe eingekehrt. Einen Monat lang herrschte reger Betrieb in dem erst im Frühjahr eröffneten Haus an der Uferstraße.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bärtige Männer belagerten das Frühstücksbuffet und abends nippten sie an der Bar an ihren Fruchtcocktails oder einem Glas Minztee. In dem von einer spanischen Kette betriebenen Luxushotel „Al Mashtal“ hatte die Hamas viele der Häftlinge einquartiert, die Mitte Oktober im Austausch für den israelischen Soldaten Schalit freigekommen waren.

          „Am Anfang war der Umzug aus dem Gefängnis wie ein Schock. Ich wusste nicht, was eine Schlüsselkarte ist und wie man die Dusche anbekommt“, erinnert sich Abdelrauf al Schalabi. Der 41Jahre alte Palästinenser aus Dschenin verbüßte seit 1995 in Israel eine lebenslange Haftstrafe, weil er einen Siedler ermordet hatte. Jetzt ist der Mann mit dem schwarzen Bart und den kurz geschorenen Haaren dabei, in seine neue Wohnung umzuziehen. Er hat es eilig, denn er will bald heiraten.

          „Es ist unglaublich, was Hamas alles für uns tut“

          Mehr als 300 der insgesamt 477 Palästinenser, die Israel aus den Gefängnissen ließ, durften nicht in ihre Heimatorte im Westjordanland zurückkehren, sondern müssen in Gaza bleiben. Dort lassen es die herrschenden Islamisten ihnen an nichts mangeln: Zehntausend Dollar Starthilfe, eine eigene Wohnung und Unterstützung bei der Familiengründung; dazu spendierte eine Mobilfunkgesellschaft noch ein Handy mit einem üppigen Guthaben.

          „Es ist unglaublich, was die Hamas alles für uns tut“, schwärmt Schalabi. Und mitten im nasskalten November ist in Gaza auf einmal Hochzeitssaison. Die ehemaligen Häftlinge, von denen viele kaum noch glaubten, jemals wieder in Freiheit zu kommen, wollen keine Zeit mehr verlieren.

          Eine Unterstützerin der Hamas hält ein Plakat mit einem von der Fatah gefangen gehaltenen Verwandten.

          Abdulrahman Ismael Ghnimat hat seine künftige Ehefrau während der Pilgerfahrt nach Mekka, von der er gerade zurückgekehrt ist, zum ersten Mal gesehen. Die saudische Regierung hatte die früheren Gefangenen dazu eingeladen. Seine Schwester hatte die Braut ausgesucht und die Familie arrangierte die Ehe, bevor der 39 Jahre alte Krankenpfleger aus Hebron die Studentin dann treffen durfte.

          Zu fünf Mal lebenslanger Haft und weiteren zwanzig Jahren hatte ein israelisches Gericht Ghnimat verurteilt. Er gehörte einer Zelle des bewaffneten Arms der Hamas an, die elf israelische Soldaten getötet hatte. „Ich habe das im Gefängnis keine Sekunde lang bedauert. Jeder Palästinenser sollte sich an dem Kampf beteiligen wie wir“, sagt der Mann in der neuen Lederjacke.

          Gefangenenaustausch: „Großer Erfolg für Hamas“

          Tagelang ließ die Hamas in Gaza im Oktober die Rückkehrer wie Helden feiern. An diesem Donnerstag will sie in Kairo die politischen Früchte des Gefangenenaustausches ernten. In der ägyptischen Hauptstadt trifft sich Hamas-Politbürochef Khaled Meschaal mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas.

          Weitere Themen

          Gemeinsam gegen Netanjahu

          Wahlkampf in Israel : Gemeinsam gegen Netanjahu

          Vor der Wahl in Israel schließen sich die zwei wichtigsten Gegner des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zusammen. Der spricht von „linken Generälen“, die tun als seien sie rechts. Können sie ihm gefährlich werden?

          Kinder statt Migranten Video-Seite öffnen

          Babyprämie in Ungarn : Kinder statt Migranten

          Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban hat den Familien im Land Geld und Kredite versprochen, wenn sie viele Kinder in die Welt setzen. Dies sei die richtige Antwort auf den Geburtenrückgang, nicht Migration, so hatte es der Politiker formuliert. Die Babyprämie ist umstritten.

          Entzweit durch die Musik

          Benefizkonzert für Venezuela : Entzweit durch die Musik

          Mit einem Benefizkonzert will der britische Unternehmer Richard Branson die Not der Venezolaner lindern. Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters kritisiert das Projekt – und wirft Branson vor, an einem Regimewechsel zu arbeiten.

          Topmeldungen

          Unter Druck: AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel am Donnerstag im Bundestag

          Spendenaffäre : Eine Blamage für die AfD

          Die Spendenaffäre ist für die AfD eine inhaltliche Bankrotterklärung. Sie belegt die tief in der Partei verankerte Verantwortungslosigkeit, die innerhalb der AfD gerne als Freiheit verkauft wird. Ein Kommentar.
          Will mit dem FC Liverpool an die Spitze der englischen Liga: Jürgen Klopp

          Warnung von Jürgen Klopp : „Sie sind eine Bedrohung“

          Der Druck auf Jürgen Klopp und den FC Liverpool ist im Titelrennen der Premier League größer geworden. Am Wochenende winkt den Reds die Rückeroberung der Tabellenführung – doch jemand will genau das verhindern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.