https://www.faz.net/-gpf-7qcgp

Naher Osten : Vormarsch der Dschihadisten

Schwarze Flagge vor „Humvee“-Fahrzeug amerikanischer Produktion: Ausschnitt aus einem Isis-Video Bild: AFP

Was in Syrien als Religionskrieg begonnen hat, kann sich im Irak noch blutiger fortsetzen. Die Offensive der Dschihadisten versetzt auch die israelische Armee in Alarmbereitschaft. Eine Analyse.

          3 Min.

          Die Dschihadisten haben die wichtigsten Städte im Norden des Iraks eingenommen und sind dabei auf wenig Gegenwehr gestoßen. Nun rücken die Wagenkolonnen des „Islamischen Staats im Irak und (Groß-)Syrien“ in Richtung Bagdad vor. Ein paar tausend Dschihadisten haben ausgereicht, um in wenigen Tagen im Osten der arabischen Welt eine neue Lage zu schaffen. Mit ihrem Blitzkrieg stoßen sie das Tor zu einem viel größeren Krieg in der Region weit auf. Was in Syrien begonnen hat, kann sich im Irak noch blutiger fortsetzen: der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Saudi-Arabien und Iran.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Möglich geworden ist diese Entwicklung, weil die Regierungszeit des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki – er ist seit 2006 im Amt – von Scheitern und Zerfall geprägt ist. Seine Armee hatte zu Jahresbeginn die Stadt Falludscha im Westirak an den „Islamischen Staat“ verloren, nun bricht der Norden weg. Dabei schließen sich die Verlierer des „Systems Maliki“ den Dschihadisten an.

          Maliki hat sich immer geweigert, jene sunnitischen Milizen in die Armee zu integrieren, die 2007 an der Seite amerikanischer Soldaten „Al Qaida im Irak“ besiegt hatten. Neben diesen Milizen unterstützen nun auch sunnitische Offiziere aus der Armee Saddam Husseins, die 2003 im Zuge der Auflösung aller staatlichen Strukturen ihre Posten verloren hatten, die Dschihadisten. Mossul war die letzte Stadt, die die Amerikaner befriedet hatten; in keiner Stadt lebten so viele Offiziere der baathistischen Armee wie in Mossul; nun sind sie zurück.

          Die Milizen und die ehemaligen Offiziere unterstützen erst seit kurzer Zeit den „Islamischen Staat“ – nicht weil sie dessen Ideologie teilen, sondern weil sie einen gemeinsamen Feind haben: Maliki. Aus dem Terror des „Islamischen Staats“ wird damit ein Aufstand gegen die schwache Zentralregierung in Bagdad, aus der Maliki längst die wichtigsten sunnitischen Politiker vertrieben hat.

          Nur wenige tausend Dschihadisten sind an dem Vorstoß beteiligt. Viele Waffen sind dabei in ihre Hände gelangt, weil Soldaten der irakischen Armee ihre Posten aufgaben; in den Banken Mossuls erbeuteten die Angreifer Hunderte Millionen Dollar. Ursprünglich hat das Geld reicher Golfaraber aus Saudi-Arabien, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten den „Islamischen Staat“ groß werden lassen. Auf diese Quellen ist die Terrorgruppe aber nicht mehr angewiesen. Denn sie finanziert sich aus Schutzgelderpressungen und anderen kriminellen Tätigkeiten sowie aus dem Verkauf des Erdöls aus den Feldern, die sie kontrolliert. Neue Einkommensquellen stehen ihr nun nach der Einnahme von Kraftwerken und Raffinerien im Irak zur Verfügung.

          Ganzer Naher Osten bedroht

          An der Spitze des „Islamischen Staats“ steht zwar ein Iraker. Das Rückgrat der Terrorgruppe bilden aber nicht mehr, wie bei Al Qaida in Afghanistan, arabische Dschihadisten. Denn Nichtaraber, vor allem aus dem Kaukasus, aber auch aus Europa, stellen fast schon die Hälfte der Krieger. Zudem haben die Dschihadisten in Mossul Kriminelle freigelassen, die sich ihnen angeschlossen haben.

          Der „Islamische Staat“ hat gedroht, als nächstes Bagdad zu erobern, dann die den Schiiten heilige Stadt Karbala. So weit wird es nicht kommen. Denn die besten Einheiten der irakischen Armee schützen in einem Verteidigungsring Bagdad. Sollte dieser Ring ernsthaft in Gefahr geraten, wären iranische Einheiten sicherlich rasch zur Stelle. Teheran würde weder einen Sturz der schiitischen Regierung hinnehmen noch der Errichtung eines sunnitischen Terrorstaats an seiner Westgrenze tatenlos zusehen.

          Der Vormarsch der Terrorgruppe ISIS im Irak und Syrien geht weiter

          Die Interessen Malikis, Irans und der Vereinigten Staaten konvergieren: Sie alle wollen verhindern, dass extremistische Sunniten die Macht an sich reißen und ein „Kalifat“ ausrufen. Auch Israel fürchtet, zum Ziel dschihadistischen Terrors zu werden. Die mobilen Einheiten des „Islamischen Staats“ und mit ihm verwandter Gruppen auf dem Sinai versetzen die israelische Armee in Alarmbereitschaft.

          Andererseits ist Saudi-Arabien, das über Jahrzehnte Amerikas strategischer Partner in der Region war, aus doppeltem Grund alarmiert: Auch weil die Vereinigten Staaten selbst immer mehr Öl und Gas fördern, sind sie an der Arabischen Halbinsel weniger interessiert, die Eiszeit zwischen Amerika und Iran nähert sich dem Ende. Oberstes Ziel der saudischen Politik ist jedoch, die Machtverschiebung zugunsten des schiitischen Islams und Irans seit der iranischen Revolution 1979 und dem Sturz Saddams 2003 wieder zu korrigieren. Eine Gelegenheit dazu sah das Königreich in einem Sturz Assads. Saudi-Arabien leistete daher den syrischen Rebellen, auch Extremisten, massiv Hilfe. Die Rechnung ging nicht auf: Assad ist weiter im Amt, und die Dschihadisten, die auch mit saudischer Hilfe groß geworden sind, machen nun Amerika und Iran zu Verbündeten.

          Der Vormarsch des „Islamischen Staats“ bedroht nicht allein den Irak, sondern den ganzen Nahen Osten, weil er Öl ins Feuer des schwelenden Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten gießt. Seit dem Abzug der amerikanischer Truppen zerfällt der Irak unaufhaltsam. Für Afghanistan, das nächste Land, aus dem sich Amerika zurückzieht, verheißt das nichts Gutes.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unter Korruptionsverdacht : Früherer König Juan Carlos verlässt Spanien

          In einem Brief teilt der ehemalige spanische Monarch seinem Sohn mit, dass er das Land verlassen will. Juan Carlos ist in einen Finanzskandal verstrickt. Mit dem Schritt erspart er Felipe VI. eine schwere Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.