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Naher Osten : Scharon droht Arafat: Tumulte auf dem Tempelberg

  • Aktualisiert am

Israelische Polizei vor der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem Bild: REUTERS

Vor der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem ist es zu schweren Auschreitungen zwischen israelischen Polizisten und Palästinensern gekommen. Zuvor hatte der israelische Premier Scharon abermals mit der Liquidierung von Palästinenser-Präsident Arafat gedroht.

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          Vor der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem sind bei Zusammenstößen mit israelischen Polizisten mindestens 20 Palästinenser verletzt worden. Die Polizei stürmte nach den Freitagsgebeten den Tempelberg, weil sie von dort mit Steinen beworfen worden war. Die Beamten gingen mit Tränengas, Blendgranaten und Plastikgeschossen gegen die Menge vor.

          Tausende muslimische Gläubigen verschanzten sich in zwei Moscheen auf dem Gelände. Neun Palästinenser wurden festgenommen. Nach zweistündigen Verhandlungen zogen beide Seiten friedlich ab. Es war der schwerste Zwischenfall auf dem Tempelberg, seit im September 2000 der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Scharon das von Juden und Muslimen gleichermaßen beanspruchte Gelände besuchte. Der Auftritt des heutigen israelischen Ministerpräsidenten wurde von den Palästinensern als Affront gewertet und trug zum Ausbruch des bewaffneten Aufstands bei.

          Neue Drohungen Scharons

          Für zusätzliche Spannungen sorgten am Freitag abermalige Drohungen Scharons gegen Jassir Arafat. Der palästinensische Präsident könne ebenso zum Ziel eines gezielten Militäreinsatzes werden wie Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah, sagte Scharon am Freitag in mehreren Zeitungsinterviews. Ein Mitarbeiter Arafats erklärte, man nehme die Drohung ernst: „Damit gefährdet Scharon die Zukunft des Friedensprozesses“, sagte Nabil Abu Rdeneh. Bereits vor mehreren Monaten hatte das israelische Kabinett erklärt, Arafat müsse „entfernt werden“. Die Tageszeitung „Maariv“ zitierte den israelischen Ministerpräsidentam Freitag mit den Worten, Arafat habe keine Versicherungspolice. Jeder wisse, daß Arafat das Hindernis sei, das jeden Fortschritt blockiere.

          Ariel Scharon: „Er ist nicht immun”
          Ariel Scharon: „Er ist nicht immun” : Bild: dpa/dpaweb

          Der Zeitung „Haaretz“ sagte Scharon, Arafat und Nasrallah sollten sich nicht „immun“ fühlen. „Jeder, der einen Juden tötet oder einen israelischen Bürger verletzt, oder Leute ausschickt, Juden zu töten, ist gezeichnet“, sagte Scharon. Als „für den Tod gekennzeichnet“ bezeichnete die israelische Regierung in der Vergangenheit Palästinenser, die sie töten wollte.

          Am Donnerstag hatte das israelische Fernsehen Äußerungen Scharons zitiert, die eher eine Vertreibung Arafats nahelegen. Dem Fernsehbericht zufolge sagte Scharon, Arafat könne nicht für immer an seinem derzeitigen Ort bleiben. Seit mehr als zwei Jahren steht Arafat in seinem Hauptquartier in Ramallah praktisch unter Hausarrest. Bereits vor mehreren Monaten hatte das israelische Kabinett erklärt, Arafat müsse „entfernt werden“. Mehrere Minister sprachen sich seitdem für die Verbannung oder Tötung des palästinensischen Präsidenten aus.

          Scharon deutet Zeitplan für Abzug aus Gazastreifen an

          Zu dem geplanten Truppenabzug aus dem Gazastreifen sagte Scharon in dem Interview mit „Maariv“, er hoffe, daß Israel im Frühjahr 2005 bereits mitten im Prozeß der „Loslösung“ stehen werde. Parallel zum Abzug aus dem Gazastreifen sollten vier Siedlungen im Westjordanland geräumt werden, sagte der Regierungschef. Der Zeitung „Jediot Ahronot“ sagte Scharon, Israel könnte dem Gazastreifen die Wasser- und Stromzufuhr abstellen, falls es nach dem Truppenabzug weiterhin zu Angriffen auf Israel komme. Die Kontrolle über die Grenze vom Gazastreifen zu Ägypten will Scharon laut „Maariv“ nicht aufgeben.

          Dort kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen zwischen Israelis und Palästinensern, die nach israelischen Angaben durch Tunnel Waffen aus Ägypten in den Gazastreifen schmuggeln. Am Freitag morgen drangen die israelischen Streitkräfte mit dieser Begründung in das palästinensische Flüchtlingslager Rafah an der Grenze zu Ägypten ein. Nach palästinensischen Angaben wurde ein 19jähriger Palästinenser bei heftigen Schußwechseln zwischen Soldaten und bewaffneten Anwohnern getötet. Soldaten hätten die Dächer von drei Häusern besetzt und dort Scharfschützen postiert.

          Das amerikanische Außenministerium begrüßte unterdessen die jüngste Kritik des palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmed Kureia an Selbstmordattentätern. Zugleich mahnte Außenamtssprecher Adam Ereli an, daß den Worten Taten folgen müßten. Kureia hatte zuletzt erklärt, daß die Anschläge der palästinensischen Wirtschaft geschadet hätten. Darüber hinaus hätten sie Israel einen Vorwand gegeben, Siedlungen und eine Sperranlage durch palästinensisches Gebiet zu bauen. Die Anschläge seien auch moralisch zu verurteilen.

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