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Naher Osten : Jeder Kriegstag sichert der Hizbullah ein Stück Zukunft

  • -Aktualisiert am

Der Libanon ist eine ungefestigte Einheit Bild: REUTERS

Selbst Christen und sunnitische Muslime unterstützen die schiitische Miliz im Kampf gegen Israel. Am Ende könnte davon vor allem Israels Erzfeind Syrien profitieren.

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          An der breiten Stadtautobahn Richtung Flughafen haben Mitglieder der schiitischen Hizbullah Mitte der Woche ein riesiges Plakat mit dem Konterfei ihres Generalsekretärs, Hassan Nasrallah, aufgestellt. Selbstbewußt blickt der 46 Jahre alte Scheich auf die verwaiste Strecke zum bombardierten Flughafen im fast völlig zerstörten Stadtteil Haret Hreik.

          Bis vorige Woche stand hier, im Süden der libanesischen Hauptstadt, das Hauptquartier der „Partei Gottes“, die während des Libanon-Krieges 1982 von iranischen „Revolutionswächtern“ (Pasdaran) gegründet wurde. An den Wänden der Wohnhäuser, die nun in Trümmern liegen, hingen überall Poster mit Bildern Nasrallahs und des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Chomeini. Von Haret Hreik bis in die Beiruter Innenstadt reichen die schiitisch dominierten Viertel, in denen auf Plakaten dem libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri gehuldigt wird, auch er ein Schiit. Aus dessen säkular orientierter Amal-Miliz ging die Hizbullah einst hervor.

          Luftangriffe lassen schiitische Gemeinschaften zusammenrücken

          „Mittlerweile lassen sich keine politischen Unterschiede zwischen Hizbullah und Amal mehr feststellen“, sagt Amal Saad-Ghorayeb, Autorin des Buches „Hizbullah - Politik - Religion“. Spätestens seit der Ermordung von Libanons Ministerpräsident Rafik Hariri im vergangenen Jahr lägen die jahrelang zerstrittenen Organisationen politisch auf einer Linie. „Mit Beginn der israelischen Luftangriffe ist die schiitische Gemeinschaft noch stärker zusammengerückt und unterstützt aus ganzer Kraft den Widerstand der Hizbullah gegen Israel.“

          Doch nicht nur die Schiiten, die mit etwa 40 Prozent größte Bevölkerungsgruppe unter den vier Millionen Libanesen, stellen sich angesichts des israelischen Bombardements hinter die Hizbullah. Nabil Dajani, Soziologe an der American University Beirut, konstatiert: „Je länger der Konflikt dauert, um so stärker wird der Rückhalt für die Hizbullah.“ Selbst im sunnitisch dominierten Stadtteil Hamra hört man nun Lobreden auf Nasrallah. Die israelischen Angriffe verdecken bis auf weiteres politische und konfessionelle Differenzen.

          Dschumblat: „Irans Krieg im Libanon“

          Wie lange die Solidarität mit der im Parlament und im Kabinett des sunnitischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora vertretenen Partei noch hält, ist jedoch fraglich. Diplomaten äußern sich skeptisch über die Kohäsionsfähigkeit der libanesischen Institutionen. Schon bald dürften sich auf christlicher, und sunnitischer Seite Absetzbewegungen bemerkbar machen. Mit fatalen Folgen: Viele fürchten, die Entwaffnung der Hizbullah, die der UN-Sicherheitsrat 2004 gefordert hat und die auch Israel zur Bedingung eines Waffenstillstands machte, werde unweigerlich zu bewaffneten Auseinandersetzungen innerhalb des Libanons führen.

          Vor allem christliche Libanesen, etwa 30 Prozent der Bevölkerung, beschweren sich, sie seien zur Geisel einer Politik gemacht worden, die nur der Hizbullah und ihren iranischen Verbündeten nutze. Auch der politische Kopf der kleinen drusischen Gemeinde und Vorsitzende der Progressiven Sozialistischen Partei, Walid Dschumblat, bezeichnet den anhaltenden Beschuß israelischen Territoriums durch Hizbullah-Kämpfer als „Irans Krieg im Libanon“.

          Neuwahlen im Libanon nach Ende des Konflikts?

          Nach außen gibt sich Sinioras Regierung geschlossen, auch wenn Kulturminister Tarek Mitri am Donnerstag sagte: „Es gab schon vorher politische Differenzen, die sich seit dem 12. Juli verstärkt haben.“ In der ersten Jahreshälfte blockierten Nasrallah und andere Führungskader über Monate hinweg einen Beschluß über die Zukunft des bewaffneten Flügels der Hizbullah. Nach fast zwei Wochen erfolgreicher Verteidigung ihrer Stellungen gegen die israelische Offensive dürfte jedoch niemand in der Regierung mehr wagen, den Sonderstatus der einzigen Miliz, die nach Ende des Bürgerkrieges 1990 ihre Waffen behalten durfte, in Frage zu stellen.

          Saad-Ghorayeb geht deshalb davon aus, daß schon bald nach Ende des Konflikts zwischen Hizbullah und Israel Neuwahlen ausgerufen werden. Den Aufstieg des kurzzeitigen Ministerpräsidenten und früheren Oberkommandierenden der Armee, Michel Aoun, in die Regierung hält sie für ausgemacht. Der 70 Jahre alte ehemalige General katholisch-maronitischer Konfession hatte im Februar ein spektakuläres Bündnis mit Nasrallah geschlossen, welches das Recht der Hizbullah auf ihren bewaffneten Flügel ausdrücklich bekräftigte. In einem Interview im Fernsehsender „Al Dschazira“ hob Nasrallah Aoun am Donnerstag lobend hervor.

          Sollte sich das Bündnis des von etwa der Hälfte der libanesischen Christen als Kriegshelden gefeierten Aoun mit Nasrallah bewähren, dann wäre auch die Rückkehr eines weiteren altbekannten Akteurs in den Libanon gesichert: Syriens Präsident Bashar al Assad dürfte gegen eine Wahl Aouns zum Präsidenten im Herbst nächsten Jahres nichts einzuwenden haben. Die kurze, nach der Ermordung Hariris von den Demonstranten des „Beiruter Frühlings“ eingeleitete antisyrische Ära wäre damit endgültig beendet.

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