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Naher Osten : Die Vorbereitungen für den Abzug haben schon begonnen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Streitpunkt Gaza-Streifen: 5000 jüdische Siedler kontrollieren 40 Prozent des Landes. Die Hamas ist verstrickt in einen Machtkampf mit der Autonomiebehörde.

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          "Wenn die Israelis doch nur schon gegangen wären." Diesen Wunsch hören Besucher des Gaza-Streifens jetzt immer wieder. Die Stadt Gaza mit ihren Hotels am Strand und der lebendigen Altstadt auf dem Schutt des Altertums ist mit ihren gut 300.000 Einwohner nur der größte Ort im 360 Quadratkilometer großen Gaza-Streifen. Insgesamt leben dort knapp 1,3 Millionen Menschen.

          Es gibt weder einen Wasserlauf noch einen See, sondern nur breite Dünenstreifen, auf denen sich die Siedler seit der israelischen Eroberung des Gaza-Streifens 1967 ausgebreitet haben. Allein Kfar Darom liegt auf einem jüdischen Flecken älterer Zeit. Die etwa 5000 Siedler halten 40 Prozent des Landes, das freilich unfruchtbar wäre, hätten sie nicht mit dem Wasser aus dem See Genezareth, aber auch aus tiefen Quellen, die jetzt langsam versalzen, den Sand zum Blühen gebracht.

          Strategische Bedeutung

          Nun ist Ministerpräsident Scharon bereit, alle Siedlungen aufzugeben: nicht nur Netzarim im Süden von Gaza-Stadt, das immer wieder von Terroristen bedrängt wird und von dem Scharon noch vor gut einem Jahr meinte, es sei strategisch für Israel genauso wichtig wie Tel Aviv. An der Straße von Israel nach Netzarim kam es zu zahllosen Gewalttaten. Hier kam auch an der zentralen Kreuzung mit der historischen Nord-Süd-Achse Mohammed al Dura am Anfang der "zweiten Intifada" Ende 2000 ums Leben.

          Scharon will offenbar auch die drei nördlichen Siedlungen Eli Sinai, Dugit und Nisanit räumen, die - ohne daß man durch eine arabische Ortschaft fahren muß - von Israel aus erreichbar sind. Es soll keinen Vorwand geben, den Gaza-Streifen weiterhin als "besetzt" zu bezeichnen. Allein die "Philadelphi-Straße", die Ägypten vom nördlichen Teil Rafahs trennt, will Israel solange besetzt halten, wie Ägypten noch nicht den Schmuggel über die Grenze oder durch Tunnel verhindern kann. Israel und Ägypten müssen dafür ihren Friedensvertrag ergänzen, der bisher die Präsenz ägyptischer Truppen an diesem Grenzstreifen nicht erlaubt.

          Bezugspunkt Ägypten

          Das Land von Gaza galt einst als paradiesisch und ebenso reich wie ehrwürdig. Bis zur israelischen Besetzung 1967 und dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft durch den Zustrom von Flüchtlingen aus Aschkelon, Aschdod und anderen Teilen des heutigen Süden Israels beherrschten wenige, meist muslimische Familien die Verwaltung und das klassische Ackerland: Dattelpalmen und Orangenplantagen prägten das Bild.

          Von frühem Reichtum zeugen die archäologischen Funde, die von dem Ende der Gewürzstraße am Mittelmeer künden, aber auch von der steten Auseinandersetzung um diese Stadt zwischen Ägypten und den Reichen des vorderen Orients. Es gab stets Nomaden, aber die Tradition war städtisch. Die Bürger in Gaza hatten ihre Bezugspunkte in Alexandra und Kairo und blickten über das Mittelmeer. Aus Ägypten breitete sich in den siebziger Jahren, als das Land schon nicht mehr ägyptisch, sondern schon israelisch besetzt war, der Einfluß der Muslimbruderschaft aus, die sich bis zum Ausbruch der ersten Intifada 1987 zunächst nur sozial, dann aber politisch als Hamas konstituierte.

          Sozialer Druck

          Hamas, von Israel als Gegenbewegung zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zunächst gefördert, nutzte den sozialen Druck der verarmten Flüchtlinge aus Israel in den Lagern. Die einst offene Gesellschaft Gazas wurde während der israelischen Besatzung insgesamt ärmer und zunehmend konservativ. Die Miniröcke verschwanden und der Tschador hielt Einzug. Der Alkohol, der kurz nach Oslo und dem Interimsvertrag von 1995 im autonomen Gaza-Streifen verkauft wurde, wird heute nur noch in wenigen Hotels aus Teekannen ausgeschenkt. Die bewaffnete Totalopposition der Hamas gegen Israel machte aus dem Gaza-Streifen eine Kriegszone. Die israelische Armee zerstörte als Reaktion auf Terror und Gewalt ganze Stadtteile und Orangenhaine, um sich besser gegen Scharfschützen, Minen und die Raketen der Hamas wehren zu können.

          Immer wieder teilte die israelische Armee den Gaza-Streifen in mindestens drei Teile. Der Kontrollpunkt Abu Holi bei Khan Yunis ist eine Engstelle, wo die arabischen Autofahrer bisweilen halbe Tage warten müssen, während der Verkehr der Siedler über eine Brücke ungestört bleibt. Seit Jahrzehnten konnten die Menschen von Rafah nicht mehr an den Strand, weil der den Siedlern vom Siedlungsblock Gush Kativ bis Rafah Yam im Süden vorbehalten ist. Das alles soll sich nun ändern. Israel wird wohl in etwa einem Jahr aus den Siedlungen abziehen - vorausgesetzt, Ministerpräsident Scharon kann sich durchsetzen.

          Bündnis zwischen Fatah und Hamas?

          Schon jetzt bereiten sich die Palästinenser auf die Übergabe vor. Längst ist aus dem einseitigen Plan Scharons ein israelisch-amerikanischer Plan geworden. Washington hält Kontakt zur arabischen Seite, will auch Ägypten zu mehr als nur einem stärkeren Engagement mit Polizeikräften an der Grenze bewegen. Israel könnte einer von Amerika beauftragten Organisation die Siedlungen und ihre Infrastruktur übergeben, die dann an die Palästinenser weitergereicht werden sollen. Diese Aufgabe könnte die Weltbank übernehmen. Sie würde Israel für Häuser und Höfe zu zahlen haben. Die Siedlungen sollen jedenfalls nicht so zerstört werden wie einst Yamit auf dem Sinai.

          Sein Hauptquartier am Strand im Süden von Gaza-Stadt hat der palästinensische Präsident Arafat seit mehr als zwei Jahren nicht mehr besucht. Jetzt sandte er den früheren Sicherheitschef des Gaza-Streifens Dahlan dorthin. Er soll Fatah und Hamas zu einem Bündnis bewegen. Das scheint nicht leicht zu sein. Arafat und Dahlan verfügen zwar über einige tausend Polizisten, aber auch Hamas hat eine einige hundert Mann starke "Volksarmee" rekrutiert, die wieder entwaffnet werden müßte. Washington will keine Beteiligung von Hamas an der Macht in Gaza. Aber die Bevölkerung hat kein Vertrauen in die korrupte palästinensische Führung um Arafat. Die meisten ziehen die kompromißlos klare Politik der Islamisten vor.

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