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Naher Osten : Der zufällige Vermittler Fischer verlängert die Waffenruhe

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Zwischen den Fronten: Fischer mit Scharon
          3 Min.

          Über den Gazastreifen donnerten im Tiefflug israelische F-16 Kampfflugzeuge und versetzten die palästinensische Bevölkerung in Angst und Schrecken. Stunden zuvor hatte Israels Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser gedroht: „Wir haben den Finger am Abzug!“ Nun hat Israels Regierung Palästinenserpräsident Jassir Arafat ein weiteres Mal gedemütigt. Er darf nicht von Ramallah nach Gaza fliegen.

          Nach dem blutigen palästinensischen Terroranschlag auf eine Discothek in Tel Aviv und der von Arafat unter massivem Druck ausgerufenen Waffenruhe herrscht Hochspannung in Israel und den Palästinensergebieten. Die leise Hoffnung auf ein Ende des Konflikts wird auf beiden Seiten von tiefer Furcht überdeckt: „Nur ein weiterer Anschlag der Hamas oder islamischen Dschihad, und diese ganze vorläufige Waffenruhe, alle diplomatischen Bemühungen, und all die Arbeit der Emissäre war umsonst“, schrieb die Tageszeitung „Jedioth Achronoth“.

          „Arafat ist ein Mörder“

          Acht Monate des blutigen Konflikts haben bei Palästinensern und Israelis jegliches Vertrauen in die andere Seite zerstört. „Arafat ist ein Mörder und pathologischer Lügner“, soll der israelische Regierungschef Ariel Scharon Bundesaußenminister Joschka Fischer, der derzeit die Region besucht, israelischen Presseberichten zufolge erklärt haben. „Ich glaube nicht an Worte und Erklärungen. Für mich zählen nur noch Taten“, meinte der Ministerpräsident, nachdem der Palästinenserpräsident zum ersten Mal öffentlich zur Waffenruhe gegenüber Israel aufgerufen hatte.

          Jassir Arafat hat trotz israelischer Skepsis in den ersten Stunden nach seiner Erklärung von Ramallah den Worten auch Taten folgen lassen. Obgleich am Sonntag 13 militante Palästinenserorganisationen, einschließlich seiner Fatah, die Waffenruhe öffentlich ablehnten, wurden seit dem blutigen Anschlag von Tel Aviv nur noch wenige kleinere „Zwischenfälle“ gemeldet. Doch gleichzeitig machte Arafat offenbar keine Anstrengungen, hunderte Extremisten der Hamas und Dschihad-Organisationen wieder zu verhaften, die er im Oktober vergangenen Jahres nach einem israelischen Luftangriff aus dem Gefängnis entlassen hatte.

          Die israelische Regierung, die durch ihre militärische Mäßigung und ihr Stillhalten nach dem Anschlag weltweit Sympathie zurückerworben hatte, ging gleich nach dem Anschlag in die politische Offensive. Unter dem Eindruck des Blutbades von Tel Aviv diktierte Scharon die Bedingungen, unter denen Israel auf militärische Vergeltung verzichten könne. Doch gleichzeitig demonstrierte Israel, das monatelang nach Meinung der Welt zu heftig auf palästinensische Angriffe reagiert hatte, seine Macht: Es stoppte sämtliche Treibstofflieferungen in den Gazastreifen.

          „Ich habe mich nicht danach gedrängt“

          Außenminister Fischer ist quasi zufällig in eine Vermittlerrolle zwischen beiden Konfliktparteien gedrängt worden. Als der Anschlag, der sich in der Nacht nach seiner Ankunft ereignete, drohte, die Situation abermals eskalieren zu lassen, setzte er auf Deeskalation. Zwar hatte Fischer vor seiner Reise ein stärkeres europäisches Engagement im Nahen Osten gefordert, doch weiß der Grünen-Politiker auch, dass Amerika die zentrale Ordnungsmacht in der Region bleiben wird.

          „Ich habe mich nicht danach gedrängt“, sagt der Außenminister. Er habe eine ganz normale Nahost-Reise machen wollen. „Es passierte einfach.“ Es stimmt: Fischer hat sich die Rolle nicht ausgesucht, sie wurde von der Aktualität bestimmt, aber er hat sie übernommen - und das wohl nicht ungern. Er wächst in diese Rolle hinein, fährt von seinem Gespräch mit dem israelischen Außenminister Schimon Peres zu Palästinenserpräsident Jassir Arafat, überredet diesen, eine Erklärung abzugeben, in der dieser sich zu einer bedingungslosen Waffenruhe bekennt. Zwischendurch lobt er Israel für die Zurückhaltung, für die Stärke des Nicht-Zurückschlagens. Längst ist Fischer Vermittler, auch wenn er immer noch diese Rolle abstreitet.

          „Die Stunden zählen“, sagt er und geht wieder zurück in seine Suite im King David Hotel in Jerusalem und telefoniert. Er spricht mit dem amerikanischen Außenminister Colin Powell, dem russischen Außenminister Igor Iwanow, dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak, mit Kanzler Schröder und dem EU-Beauftragten für Außenpolitik, Javier Solana, der Fischer für seine Vermittlung lobte. Durch seine ungewollte und vom Zufall bestimmte Rolle hat Fischer daran mitgearbeitet, dass es in diesen Stunden keinen weiteren größeren Gewaltausbruch im Nahen Osten gegeben hat. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

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