https://www.faz.net/-gpf-z4qd

Nach Usama Bin Ladins Tod : Feiern auf Washingtons Straßen

  • -Aktualisiert am

Bin Ladin ist tot: Freudentänze vor dem Weißen Haus in Washington Bild: REUTERS

Gleich nach der Meldung von der Tötung des Chefs des Terrornetzes Al Qaida strömten Menschen in Washington zum Weißen Haus. Die meisten von ihnen sind junge Leute, und neben den amerikanischen Flaggen sieht man auch Obama-Poster.

          3 Min.

          Das Thema der Woche war eigentlich Barack Obamas Herkunft gewesen. Wegen der Tiraden vor allem des Präsidentschaftsaspiranten Donald Trump hatte sich der Präsident der Vereinigten Staaten genötigt gesehen, seine Geburtsurkunde öffentlich vorzuzeigen. Trotzdem hörten einige Einpeitscher der extremen Rechten nicht auf, Barack Hussein Obama als Muslim darzustellen, in dessen Händen die Sicherheit eines Landes im Krieg gegen den (islamistischen) Terror nicht liegen dürfe. Doch in der Nacht auf Montag ist das im Zentrum von Washington wie vergessen. Ein-, wenn nicht zweitausend junge Leute kreisen jubelnd auf der eilends abgesperrten Straße vor dem Weißen Haus umher und stimmen in den Schlachtruf ein: „Obama! Obama! We have killed Osama!“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Es hatte nach den ersten Eilmeldungen über die Tötung Usama Bin Ladins durch amerikanische Soldaten in der Nähe von Islamabad nicht lange gedauert, bis Schüler, Studenten oder Soldaten zu Hunderten in hupenden Autokorsos, auf Fahrrädern oder zu Fuß zur Pennsylvania Avenue 1600 strömten. Der 21 Jahre alte Student Jake Stewart nahm sich gerade noch Zeit, das Mai-Blatt seines großen Wandkalenders abzureißen, um auf die Rückseite den Spruch zu malen: „Ding Dong, Bin Ladin ist tot“ - frei nach dem Lied aus dem „Zauberer von Oz“, in dem es eine Hexe ist, der ihr Haus auf den Kopf fällt. Dieser 1. Mai 2011, gibt Jake Stewart sich überzeugt, werde alles verändern - „vielleicht nicht unmittelbar unsere Kriege, aber unsere ganze Stimmung“. Gerade in der Rezession, die mit dem Haushaltsdefizit die ernsthaften Schlagzeilen des Landes dominiert, sei die Nachricht vom Tod des Terroristenführers „das Allerbeste, was wir uns in diesen Tagen wünschen könnten“.

          Mit Obama-Postern aus dem Wahlkampf

          Kaum weht einer der Feiernden eine große Fahne etwas energischer oder klettert ein besonders sportlicher Patriot auf einen der gusseisernen Laternenmasten, brandet so lauter Jubel vor den Toren des Weißen Hauses auf. So haben sie die Familie Obama wahrscheinlich ausgerechnet in der ersten Nacht, in welcher der seit bald zehn Jahren als oberster Staatsfeind geltende Bin Ladin ihr gewiss nichts mehr anhaben konnte, um den Schlaf gebracht. Einige haben auf die Schnelle noch Obama-Poster aus dem Wahlkampf gefunden, bevor sie sich in die spontanen Prozessionen zum Machtzentrum einreihen. Es sind aber auch viele hergekommen, die den Präsidenten lieber heute als morgen das Weiße Haus verlassen sähen. Ihren elf- und fünfzehnjährigen Töchtern Sydney und Taylor hat es die hispanische Amerikanerin Lisa Shuler überlassen, gegen ein Uhr morgens mit einer überlebensgroßen Pappfigur von George W. Bush auf der Party-Kundgebung herumzulaufen.

          Flagge zeigen: Auf einer Straße in Washington

          Die beiden Mädchen, die eigentlich um acht Uhr zur Schule müssen, kommen nicht rasch vorwärts, denn ständig will sich einer mit der Pappfigur fotografieren lassen. „Bush hat uns beschützt“, sagt die Jüngere, Sydney, und lächelt gewinnend. „Aber wir respektieren auch Obama. Wir sind Patrioten“, erläutert Taylor, bevor ihre kleine Schwester noch anfügt: „Wir hatten zu Hause keinen Papp-Obama.“ Doch diese Andeutung einer Beliebigkeit geht der strahlenden Mutter zu weit. „George W. Bush hat in sehr schwieriger Zeit viel für uns getan“, sagt sie mit reichlich mütterlicher Autorität in der Stimme.

          Jubeln und Grübeln

          Es sind nur wenige Menschen gekommen, die älter als dreißig sind. Umso lauter bejubelt die Menge Angehörige der Streitkräfte im Freizeitdress, die ihrerseits lauthals den Kameraden am Hindukusch für ihr Heldentum danken. Ziemlich einsam dazwischen steht der neunzehnjährige Adam Streeter. „Hol unsere Soldaten heim - jetzt!“, steht auf seinem Plakat, das er mit zwei Armen so in die Höhe reckt, dass Obama es lesen könnte, würde er aus dem Fenster schauen. Kann denn der Krieg jetzt beendet werden, wo Bin Ladin tot ist? Streeter geht nicht direkt auf die Frage ein. „Mein Freund ist auch 19 Jahre alt und kämpft gerade in Afghanistan. Gestern hat das Pentagon bestätigt, dass ein neunzehnjähriger Amerikaner in Afghanistan gefallen ist.“

          Die Feier an sich, beeilt sich der Student von der George Washington University aber dann zu versichern, die finde er schon richtig. Eine Studentin mit „Peace“-Zeichen auf dem Pullover ist sich da nicht so sicher. Sichtlich ratlos steht Rachel Milito inmitten des Jubels und grübelt. Einerseits wirke es makaber auf sie, dass eine solche Party gefeiert werde, weil ein anderer Mensch getötet wurde. Andererseits weine sie Usama Bin Ladin nun wirklich keine Träne nach. „Ich warte mal ab, was sie morgen in den Nachrichten sagen, wie es weitergeht.“

          Weitere Themen

          Die Sorgen des Sonnyboys

          Parlamentswahlen in Kanada : Die Sorgen des Sonnyboys

          Vor den anstehenden Parlamentswahlen in Kanada liegen Liberale und Konservative gleichauf. Da große Streitthemen fehlen, kommt es zu persönlichen Angriffen. Die Wahl wird zu einem Referendum über Justin Trudeau.

          „Eine gute Nachricht“ Video-Seite öffnen

          Merkel zum Brexit-Deal : „Eine gute Nachricht“

          Bei ihrer Ankunft in Brüssel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass sie besonders erfreut sei, dass irische Premier mit dem Deal zufrieden sei. Die Einigung auf einen neuen Deal sei eine „gute Nachricht“.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson (links) und Jean-Claude Juncker in Brüssel.

          Brexit-Einigung : Abschied von London

          Die Chance auf einen geregelten Brexit besteht. Europa muss das Thema hinter sich lassen, das so viele physische und psychische Ressourcen verbraucht hat. Doch die EU sollte sich nicht täuschen: Es verlässt nicht nur ein Nettozahler das gemeinsame Haus.
          Wolfgang Tiefensee beim Wahlkampf in Thüringen

          Wahlkampf in Thüringen : Frühstück bei Tiefensee

          Ob Rot-Rot-Grün in Thüringen weitermachen kann, hängt von vielen Dingen ab – unter anderem vom Abschneiden der FDP. Die schickt einen Spitzenkandidaten ins Rennen, der ganz nach dem Geschmack von Parteichef Christian Lindner ist.

          Globales Ranking : Apple ist die wertvollste Marke der Welt

          Die Marken von Amerikas Digitalkonzernen sind die wertvollsten der Welt, befindet eine neue Untersuchung. Deutschlands Autobranche schwächelt. Dennoch führt ein Autohersteller das deutsche Ranking an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.