https://www.faz.net/-gpf-7u4bm

Nach dem Schottland-Referendum : Die Generationen-Chance

Bild: F.A.Z.

Zwei Wochen war Cameron der schottischste aller Schotten. Nun wird er sich mit den Souveränitäts-Forderungen der Nordiren, Waliser und Engländer konfrontiert sehen.

          Die Unabhängigkeit der Schotten ist tot – es lebe die Autonomie der Engländer! Die Stimmenauszähler des Referendums waren noch gar nicht zu Bett gegangen, da blickte der britische Premierminister David Cameron schon weit über den Tag hinaus: Nach dem Verbleib der Schotten im Königreich, der ihnen nicht zuletzt mit neuen Zuständigkeiten schmackhaft gemacht wurde, verlange nun die „Frage von englischen Stimmen für englische Gesetze“ eine Antwort. Schottland sei gehört worden – jetzt müsse man England ein Ohr leihen, sagte Cameron.

          Feingefühl oder gar Sentimentalität ist keine Kategorie der Politik. Aber so mancher Schotte, der am Donnerstag schweren Herzens gegen die Unabhängigkeit gestimmt hat, dürfte das schon am Freitag bereut haben. Viel mehr als ein kurzes Wort der Freude, dass die „Nationenfamilie“ zusammengeblieben ist, war Cameron der große schottische Moment nicht wert. Diejenigen, die dem „Westminister-Establishment“ schon immer Selbstbezogenheit und mangelnde Rücksichtnahme vorgeworfen haben, durften sich bestätigt fühlen.

          Für die fünf Millionen Schotten bedeutete das Referendum einen historischen Einschnitt. Zum ersten Mal seit 307 Jahren hatten sie die Chance, die Union mit England aufzukündigen, sich eine eigene Verfassung zu geben und eine Regierung zu wählen, die für alle Belange zuständig ist. Selbst die, die für den Erhalt Großbritanniens geworben hatten, gestanden zu, dass in den vergangenen eineinhalb Jahren gute Kräfte entfesselt wurden. Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond sprach am Freitagmorgen nicht zu unrecht von einem „Triumph für den demokratischen Prozess und die politische Mitbestimmung“. Gemeint war nicht nur die hohe Wahlbeteiligung von 85 Prozent, sondern der Geist, der in dieser langen Kampagne geweht hatte.

          Cameron wird beim Wort genommen

          Bürger, die normalerweise Parlament und Regierung den Rücken kehren, waren politisch entflammt. In den Pubs wurde darüber debattiert, wie ein „besseres Land“ aussehen könnte. Politik war plötzlich etwas, das die Menschen mit echtem Wandel verbanden, mit Hoffnungen auf die Zukunft, ja mit Träumen. Man kann den teilweise naiven Elan der Schotten belächeln, man darf aber auch bedauern, dass Politik nur selten derart fasziniert.

          Das Referendum, so hieß es oft in diesen Tagen, sei „no moment but a movement“ – kein Augenblick, sondern eine Bewegung. Ob diese Bewegung ihren Atem behalten und Schottland möglicherweise in eine weitere Volksabstimmung über die Unabhängigkeit führen kann, wird nicht nur im Norden des Königreichs entschieden. Vieles hängt von den Entscheidungen ab, die im Süden, insbesondere in London, getroffen werden.

          Kein Grund zur Traurigkeit: Die Schotten bekommen auf jeden Fall mehr Selbstbestimmungsrechte

          Die politische Klasse der britischen Hauptstadt hat in den Wochen vor dem Referendum alles in die Waagschale geworfen. Was am Ende wahlentscheidend gewesen ist – die Drohungen, die Liebeserklärungen, oder die in Aussicht gestellten Geschenke? – das wird man wohl nie in Erfahrung bringen. Sicher dürfen sich Cameron, Miliband und Clegg aber sein, dass ihr Versprechen beim Wort genommen wurde, den Schotten weitergehende Zuständigkeiten zu geben.

          Welche die drei großen Parteien im Unterhaus an Edinburgh abgeben wollen, ist durchaus umstritten. Erschwert wird das Zusammenschnüren des Autonomiepakets durch die Wünsche, die in anderen Landesteilen lautgeworden sind. Sie gründen auf der Frage: Wieso dürfen die Schotten über immer größere Portionen ihres Schicksals bestimmen, und wir nicht?

          Ein neuer Anlauf in drei Jahren?

          Nachdem Cameron zwei Wochen lang der schottischste aller Schotten war, will er nun offenbar der englischte aller Engländer werden. Deren Rechte müssten nun „respektiert und gestärkt“ werden, sagte er. Damit beginnt ein weiterer Wettlauf der Tories mit der Unabhängigkeitspartei Ukip. Deren Chef, der stets in englische Nadelstreifen gekleidete Nigel Farage, intoniert schon seit Tagen Variationen des Themas „England den Engländern“. Unzufriedenheit schlägt „Westminister“ auch aus Wales, Nordirland und weiten, nicht nur nördlichen Teilen Englands entgegen. Allerorten hat sich der Eindruck festgesetzt, in London regierten Leute, denen der Finanz- und Immobilienmarkt der Hauptstadt näher sei als der Alltag der Bürger. Das droht die Fliehkräfte weiter zu stärken.

          Die notwendige Einigung – vor allem mit der Labour Party – wird durch den beginnenden Wahlkampf nicht beschleunigt. Eine „zügige“ Lieferung der Dezentralisierung hat Salmond aber verlangt. Berufen kann er sich dabei auf die Zusage, dass das Gesetz schon im kommenden Januar auf den parlamentarischen Weg gebracht werden soll.

          Eine Verzögerung dies Zeitplans könnte das nun erschöpfte Rebellionspotential der Schotten womöglich wieder reaktivieren. Eine Wiederwahl des (in Schottland unbeliebten) Premierministers im kommenden Mai brächte weiteren Rückenwind. Sollte dann, in gut drei Jahren, eine Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der (in Schottland beliebten) EU votieren, könnte sich eine Situation ergeben, in der Salmonds Wort von der „Generationen-Chance“ mindestens eine Generation alt klingt.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Folgen:

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Wachstum mit Gefahren

          FAZ Plus Artikel: Rugby-WM : Wachstum mit Gefahren

          Rugby treibt seine Entwicklung voran – und will mit der Weltmeisterschaft in Japan neue Märkte erobern. Auch das Spiel hat sich verändert. Die Aktiven sollen nun besser geschützt werden.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.