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Gewalt in Krankenhäusern : Wie sicher kann eine Klinik sein?

Feuerwehrleute, Polizisten und medizinisches Personal vor der Klinik, in der Fritz von Weizsäcker erstochen wurde. Bild: dpa

Ein Arzt ist in seiner Klinik erstochen worden. Nun sagen wieder manche: Völlige Sicherheit gibt es halt nicht. Aber das greift zu kurz.

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          Der Arzt Fritz von Weizsäcker ist in Berlin erstochen worden, nach einem Vortrag in der Klinik, in der er arbeitete. Die naheliegendste Frage ist: Hätte das verhindert werden können? Die naheliegendste Antwort: Nein, denn hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Die Frage ist berechtigt, die Antwort nicht.

          Denn mit dem Argument, nur hundertprozentige Sicherheit sei überhaupt Sicherheit, könnte man auch Anschnallgurte abschaffen. Jede Vorsorgeuntersuchung würde überflüssig: Krank werden kann man ja trotzdem, und sterben tut man eh. Zum Glück hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass man, um Unheil zu verhindern, tut, was man kann. Das ist besser als nichts. Also ist es gut, dass nach dem Angriff auf Weizsäcker nun über Sicherheit in Krankenhäusern diskutiert wird.

          Dass es nicht um die Sicherheit im ganzen Land geht, hat damit zu tun, dass der Täter Deutscher ist. Somit lässt er sich keiner vermeintlichen Hochrisikogruppe zuordnen, deren Entfernung nach Ansicht mancher das Land schlagartig sicher machen würde. Es sei denn, man hielte „deutsche Männer“ für eine solche Gruppe. Opfer des Messerstechers Gregor Sch. wurde neben Weizsäcker übrigens ein Polizist, der noch versuchte, die Tat zu verhindern, und dabei selbst schwer verletzt wurde. Er heißt Ferrid B.

          Auch sonst lässt sich aus dem, was man bisher über den Täter weiß, nichts ableiten, was ähnlichen Taten vorbeugen könnte. Der Mann ist offenbar geistig verwirrt. Die Staatsanwaltschaft sagt, er habe eine „wohl wahnbedingte“ Abneigung gehegt gegen die Familie des Getöteten. Dessen Vater war der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Was kann man dagegen tun, dass Menschen sich hineinsteigern in solchen Irrsinn? Dass sie sich ein handelsübliches Messer kaufen? Dass sie mit der Bahn dorthin reisen, wo der lebt, den sie grundlos hassen? Dass sie ihm auflauern? Nichts kann man dagegen tun.

          Aber man kann versuchen, die schreckliche Tat zu verhindern. Denn sie hat nicht nur einen Täter, sondern auch einen Tatort. Im August stieß ein Mann am Frankfurter Hauptbahnhof einen Jungen und seine Mutter vor einen Zug. Das Kind starb. Danach wurde darüber gestritten, ob Bahnsteige sicherer gemacht werden sollten. Manche fanden, das zu fordern sei hysterisch. Sie wiesen darauf hin, wie selten Menschen vor Züge gestoßen würden, und hielten die Bemühung, das zu verhindern, für ein Placebo. Ein Mittel gegen die irrationale Angst, dass nun jeder auf Bahnsteigen in Lebensgefahr schwebe. Anderen fiel als Erstes ein, wie teuer – nämlich zu teuer – Sicherheitsmaßnahmen würden, etwa Türen zwischen Zug und Bahnsteig. Dabei zeigen unterschiedliche Länder und auch Versuche in Deutschland, dass es machbar ist. Sicherheit kostet etwas, aber sie ist auch viel wert.

          Security-Checks in Krankenhäusern?

          Dasselbe bei Weihnachtsmärkten. Nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz wollte man nicht einfach so weitermachen. Die Märkte sollten sicherer werden. Aber wie? Würde nicht jede Maßnahme eine Kapitulation vor dem Schrecken sein, jeder Poller eine Erinnerung an den Terror? Inzwischen bummeln die Deutschen wie selbstverständlich zwischen den Sperren hindurch. Manche Städte gehen kreativ mit der Herausforderung um: Essen stellt grüne Tannen aus Beton auf, Regensburg tonnenschwere Spatzen, Rottweil ebensolche Rottweiler.

          Nun also Krankenhäuser. Sollten sie Zugangskontrollen einführen, Sicherheitschecks wie am Flughafen? Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft hat sich diese Woche dagegen ausgesprochen. Es würde die Abläufe im Klinikalltag massiv behindern und außerdem bei Patienten für Unverständnis sorgen. Tatsächlich ist ein Krankenhaus ein besonderer Ort; die meisten Menschen, die dort liegen oder zu Besuch sind, haben sowieso schon Angst. Sie müssen nicht auch noch ständig daran erinnert werden, dass sie möglicherweise ermordet werden könnten. Hier stünde, anders als an Bahnsteigen und auf Weihnachtsmärkten, der Schutz in keinem Verhältnis zur Gefahr.

          Das heißt aber nicht, dass Sicherheit in Krankenhäusern kein Thema wäre. Das ist es sehr wohl, und zwar ganz grundsätzlich. Der Präsident der Krankenhausgesellschaft wies darauf hin, dass Mitarbeiter in Kliniken darin trainiert werden, gefährliche Situationen zu deeskalieren. Sicherheitsdienste sind im Einsatz. Leider mit gutem Grund. Ärzte berichten, dass die Gewalt gegen sie und das Pflegepersonal massiv zunehme. Patienten und ihre Begleiter randalieren in den Notfallambulanzen, schlagen Mediziner, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, treten um sich, manchmal unter Alkohol oder Drogen, oft aber nüchtern. Die Bundesregierung plant schärfere Strafen dafür. Das zeigt, dass Gewalt nicht einfach dazugehört. Ein wichtiges Signal an Pfleger und Ärzte. Sie kämpfen jeden Tag um das Leben von Menschen; umgekehrt ist auch für ihres zu tun, was eben geht.

          Friederike Haupt
          Politische Korrespondentin in Berlin.

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