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Eine Million Arten bedroht : Kaum Aufmerksamkeit für die schwindende Naturvielfalt

Forciert das Artensterben: das Verschwinden des Amazonas-Urwalds. Bild: dpa

Der Weltbiodiversitätsrat hat zwei Berichte zur Ausbeutung und Werthaltigkeit der Natur vorgelegt. Sie zeigen: Auf der planetaren Krisenagenda ist der Ökozid nach hinten gerutscht.

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          Ein Schicksalsjahr sollte es werden, ein hoffnungsvolles Zeichen für die Naturschutzpolitik rund um den Globus, nach dem Pariser Klimaabkommen von 2015 der zweite ökologische Weltfrieden sozusagen. Doch schon jetzt, ein halbes Jahr vor dem Biodiversitätsgipfel der Vereinten Nationen in Montreal, zeichnet sich in der globalen Umweltdiplomatie das nächste böse Erwachen ab.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Politikbetrieb bleibt stumm, offenbar sieht er keinen weiteren Platz in der vorderen Reihe seiner Krisenbewältigungsagenda vor. Und so setzt sich das Massensterben der Arten auf dem Planeten weiter still fort.

          Festmachen lässt sich das an den jüngsten Reaktionen auf die Vorstöße des zwischenstaatlichen Weltbiodiversitätsrats IPBES. Zwei große Berichte zur Ausbeutung und zur Werthaltigkeit der Natur hat er vor einigen Tagen auf seiner Generalversammlung in Bonn vorgelegt.

          Der Artenschwund hat die gleiche Bedeutung wie die Klimakrise

          Allein für den zweiten Report, den zur Frage, wie natürliche Ökosysteme vom Menschen und vom Markt wertgeschätzt werden, waren vier Jahre lang mehr als 13.000 wissenschaftliche Studien ausgewertet worden. Mehr als ein ökopolitisch-ökonomisches Schaulaufen an historischer Stelle im alten Bonner Regierungsviertel kam dabei jedoch kaum heraus. Dabei fehlte es keineswegs an aufrüttelnden Reden.

          Der weltweite Artenschwund wird selbst von Klimapolitikern, die solche Jahrzehnte andauernden Aufmerksamkeitslücken aus eigenem Erleben kennen, als mindestens gleichwertig zur Klimakrise eingestuft. Beides zusammen und miteinander verwoben wird nach allem wissenschaftlichen Dafürhalten die Lebensgrundlagen auf dem Planeten innerhalb weniger Generationen dramatisch verändern. Ein Schaden, der sich auch in Heller und Pfennig bemessen lässt, und der wie aktuell in der Klimakrise für alle spürbar werden wird.

          Dramatische Veränderungen der Lebensgrundlagen

          In Bonn wollen Wissenschaftler und Regierungsdelegierte von 135 Staaten einen entscheidenden Schritt nach vorne machen, um der Welt die Brisanz der Artenkrise greifbarer zu machen. Denn darin liegt seit jenen Tagen das Dilemma, seitdem Helmut Kohl im Jahr 1992 die Unterschrift unter die UN-Biodiversitätskonvention setzte und Angela Merkel wenige Jahre später die erste Vertragsstaatenkonferenz in Jakarta mit prägte: Das Drama entgleitet der großen Politik immer wieder.

          Nach den salbungsvollen Reden über den „Wert“ der Natur für den Menschen wurde noch jedes Mal der Mantel des Schweigens darüber gelegt. Wie sich heute zeigt, ist die umweltpolitische Prokrastination in Sachen Artenschutz eine der am tiefsten sitzenden Störungen der Zivilisationsgeschichte. Schon vor fünf Jahrzehnten, auf dem allerersten Umweltgipfel der Staatengemeinschaft, hatte der schwedische Gastgeber, der später ermordete Ministerpräsident Olof Palme, den Begriff Ökozid geprägt.

          Düstere Botschaft wird verdrängt

          Inzwischen ist die Gewissheit gewachsen, dass es nicht um Worte oder Ängste, sondern tatsächlich darum geht: Um ein Massenaussterben von ungeheurem Ausmaß, historisch nur mit den großen Massenaussterben an den geologischen Epochenübergängen zu vergleichen.

          Allein, die düstere Botschaft wird konsequent verdrängt. Und so machte sich in Anlehnung an den Weltklimarat IPCC vor einigen Jahren der Weltbiodiversitätsrat auf die Mission, die politische Sensibilität zu steigern. Im Jahr 2019 legte der Rat einen damals schon für wegweisend gehaltenen Bericht zum Massensterben vieler Tier- und Pflanzenarten vor.

          Einer Million Arten droht die Ausrottung

          Einer Million Arten droht die Ausrottung dort, wo der wirtschaftende Mensch sich ausbreitet, wo vor allem der anthropogene Klimawandel für äußerst labile Verhältnisse sorgt. Die Aussterberate liegt nach diesen und folgenden Schätzungen bei vielen Tier- und Pflanzengruppen hundert bis tausendfach über der natürlichen Aussterberate. Der britische Ökonom Partha Dasgupta monetarisierte schließlich in einem vor anderthalb Jahren veröffentlichten Bericht das Artenschutz-Desaster:

          500 Milliarden Dollar würde die Menschheit Jahr für Jahr für Aktivitäten ausgeben, die den Artenschwund beförderten. Gleichzeitig investiere die Weltgemeinschaft nur 78 bis 143 Milliarden Dollar in Naturschutz – ein Zehntel des globalen Bruttoinlandsproduktes. Die Naturzerstörung war als ein weitreichendes Marktversagen überführt.

          Für den Weltbiodiversitätsrat war das eine Steilvorlage. Und in der Umweltdiplomatie tat sich zumindest ein Silberstreif auf, als man in den UN-Vertragsstaatenverhandlungen auf ein gemeinsames Ziel zusteuerte: 30 Prozent der irdischen Fläche sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden, um der Natur ausreichend Rückzugsräume zu schaffen. Doch die Verschiebung der ursprünglich in China geplanten und wegen Corona verschobenen entscheidenden Vertragsstaatenkonferenz sowie die parallele Zuspitzung zahlreicher Krisen weltweit droht die multilateralen Anliegen der Naturschutzpolitik wieder auf die lange Bank zu schieben.

          Anders jedenfalls als die IPCC-Klimaberichte jeweils vor den Klimagipfeln hat es der IPBES nicht geschafft, in Bonn einen entscheidenden Impuls zu setzen. Der Appell, Wachstum und „kurzfristige Profite“ auf Kosten der Natur nicht länger zuzulassen, verhallte fürs Erste im krisengeschüttelten politischen Kosmos jenseits des Biodiversitätssekretariats in Bonn.

          Tatsächlich liest sich der eingeforderte „transformative Wandel“ vor dem Hintergrund der aktuellen Nahrungs-, Energie-, Klima- und Militärkrisen auf dem Planeten wie ein ökologischer Wunschkatalog für Luxuszeiten. Die Chancen für den erhofften ökologischen Marshallplan dürften kaum je schlechter gestanden haben als in diesen Tagen, in denen alle Zahlen und Argumente für den Naturschutz auf dem Tisch liegen.

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