https://www.faz.net/-gpf-qxyz

Nach der Wahl : Die Grünen besichtigen ein Soufflé

Fischer: „Keine Mehrheit mehr” Bild: REUTERS

Ampel, Schwampel, Opposition? Die Grünen mögen sich noch nicht festlegen, welche Rolle sie in der kommenden Legislaturperiode spielen wollen. Aber das Gefühl, doch noch ein Türchen zur Macht zu sehen, tut ihnen offenkundig gut.

          4 Min.

          Selbstverständlich branden Jubel und Applaus auf, als der Spitzenkandidat lauthals angekündigt wird und dann auf die Bühne tritt. Aber Fischer läßt sich nur kurz feiern, bald wedelt er mit der Hand abwiegelnd nach vorne.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Er hat (nach dem obligatorischen Dank an Helfer, Wahlkämpfer und Wähler) eine Botschaft loszuwerden. Erstens: „Wir müssen konstatieren, daß Rot-Grün keine Mehrheit hat.“ Zweitens: Auch eine Politik des sozialen Kahlschlags, wie ihn Merkel und Kirchhof repräsentierten, habe keine Mehrheit.

          Welche Rolle?

          Zufrieden erinnert der Außenminister an sein Bild, das er in der Bundestagsdebatte über Schröders Mißtrauensfrage, bezogen auf die Umfragewerte der Union, gebraucht hatte: Sie seien ein Soufflé, das in sich zusammenfallen werde, „und heute ist es zu besichtigen“. Aber drittens: „Dieses Wahlergebnis ist ein schwieriges Wahlergebnis. Ich möchte, daß wir bei der Gestaltung dieses Landes wirklich weiterkommen, ob das in der Opposition ist oder in einer anderen Rolle, das müssen wir sehen.“

          In einer anderen Rolle? Was der Grünen-Anführer damit meint, läßt er in der Schwebe. Vor der Wahl war die Botschaft landauf, landab verkündet worden, die Grünen hätten das Wahlziel, die Koalition mit der SPD fortzusetzen, und das werde entweder erreicht, oder man werde in die Opposition gehen, was ja auch keine Schande sei. Eine Fortsetzung der Koalition haben sie nicht erreicht. Im Parlament werden sie eine weitaus kleinere Fraktion stellen als der Erzrivale FDP.

          „Grünes Wahlergebnis“

          Dennoch laufen alle Grünen-Politiker, die auf der Wahlparty in einem ehemaligen Hangar des Flughafens Tempelhof anzutreffen sind, mit breitem Lächeln umher und erkundigen sich, wo denn der Sekt ausgeschenkt werde. Das liegt zum einen an den zunächst niedrigen Erwartungen.

          Zum anderen heben sie, ob die Parteivorsitzende Roth, ob Minister Trittin, ob die Fraktionsvorsitzende Sager, hervor, daß es ein „grünes Wahlergebnis“ sei, also ohne jedes Funktionsargument zustande gekommen sei. Denn es sei doch klar gewesen, daß realistischerweise den Grünen keine Funktion bei einer Mehrheitsbildung zukommen werde.

          Türchen zur Macht

          Nun also, folgt man den Worten Fischers, vielleicht doch eine andere Rolle. Kategorisch ausgeschlossen worden war ein Bündnis mit Unterstützung der PDS. Eine „Ampel“ aus SPD, FDP und Grünen war auch in den Bereich des höchst Unwahrscheinlichen verwiesen worden, doch mit weniger Emphase; vollkommen abwegig aber die „Schwampel“ mit Union und FDP. Hält also etwa Frau Sager eine „Ampel“ für ausgeschlossen? „Wir sehen uns das erst mal ganz genau an, was bei CDU und SPD passiert.“ Aber wie stehen die Grünen zu einer solchen Konstellation? „Ich halte zumindest auch nichts davon, so lange zu wählen, bis das Ergebnis stimmt. Man muß mit diesem Wahlergebnis umgehen.“

          Das Gefühl, vielleicht doch noch ein Türchen zur Macht zu sehen, tut den Grünen jedenfalls offenkundig gut. Denn ohne das würde trotz des glimpflichen Ausgangs für die Grünen eine Epoche zu Ende gehen, zumindest vorerst. Seit mehr als fünfzehn Jahren waren sie stets irgendwo im Bund oder in einem Land an der Regierung beteiligt. Jetzt wären sie überall in der Opposition. Das gab es zuletzt 1989. Damals folgte der tiefste Absturz, den die Grünen bislang erleiden mußten seit Beginn ihrer politischen Existenz, sie verfehlten den Einzug in den Bundestag bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen von 1990.

          Weitere Themen

          Regierung bestreitet Militärputsch Video-Seite öffnen

          Unruhen in Burkina Faso : Regierung bestreitet Militärputsch

          Nach Schüssen in mehreren Kasernen und einem Ausfall des Internets hat Burkina Fasos Regierung Putschgerüchte zurückgewiesen. Zuvor kam es zu gewaltsamen Protesten gegen die Regierung.

          Topmeldungen

          Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

          Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

          Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.