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Griechenland : Wahlkampf in Aschewüsten

Die Flammen werden schwächer, doch der Rauch ist immer noch beißend Bild: dpa

Die größte Waldbrand-Katastrophe seit Jahrzehnten bestimmt den Wahlkampf in Griechenland. Warum das gut für die Opfer ist, erzählt Christoph Ehrhardt. Er besuchte sie im Katastrophengebiet.

          5 Min.

          Die alten Herren von Koutsochera kommen schnell zur Sache. Männer mit Dreitagebart, ausgebeulten Hosen, gefurchten Gesichtern und von der Sonne gegerbter Haut. Sie schieben mit dem Daumen ihre Kombológia, ihre Perlenketten, durch die geschlossene Hand und fragen aufgebracht: „Wann bekommen wir endlich das Geld?“ Es herrscht ein wort- und gestenreiches Durcheinander. Sie hätten Glück, dass Wahlkampf sei, antwortet Vassilis Kontogiannopoulos. Das erhöhe ihre Chance, dass der Bürgermeister die von der griechischen Regierung für die Opfer der Feuerkatastrophe versprochene Soforthilfe schnell verteilen könne.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Kontogiannopoulos ist unterwegs auf einer Tour in die von den Großfeuern zerstörten Dörfer. Er war von 1989 bis Januar 1991 in zwei Kabinetten griechischer Erziehungs- und Religionsminister und entstammt der Katastrophenregion. Er bezeichnet sich selbst als „Sozialliberalen“ und als „Mitglied der ersten Stunde“ der derzeitigen griechischen Regierungspartei Nea Demokratia. Er wechselte jedoch zur linken Oppositionspartei Pasok, für die er bei der anstehenden Wahl antritt. „Ich mache hier keine Wahlkampftour“, behauptet er. „Es geht mir darum herauszufinden, was jetzt die größten Sorgen der Menschen sind.“

          „Unternimm etwas!“

          Das Gespräch in dem kleinen Bergdorf, in dem 14 Häuser von den Flammen vernichtet wurden, dreht sich schnell um Politik. Die alten Männer von Koutsochera schimpfen über „die unfähigen Regierungspolitiker“. Ein alter Automechaniker ruft unwirsch aus dem Fenster seines klapprigen Kastenwagens: „Unternimm etwas! Es muss etwas passieren!“ Einer dreht sich weg und raunt: „Geld macht die Toten auch nicht wieder lebendig.“ Kontogiannopoulos versichert, er werde sich mit aller Kraft für die Opfer einsetzen: „Lasst euch nicht entmutigen und bleibt hier!“

          Menschen können hoffen, dass ihre Häuser unversehrt bleiben

          Es sieht doch sehr nach Wahlkampf aus. Kontogiannopoulos schreitet zielstrebig von Menschenansammlung zu Menschenansammlung durch den Ort, schüttelt Hände, klopft auf Schultern, spricht zu den Leuten. Auch Ministerpräsident Karamanlis ist inzwischen in einige vom Feuer betroffene Gebiete gereist, hat den Opfern Hilfe zugesagt und den Gemeinschaftssinn der Griechen beschworen: „Wie in der Vergangenheit müssen wir zeigen, dass wir eine gemeinsame Seele haben, dass wir eine Faust zeigen im Angesicht einer landesweiten Krise.“

          Graue Aschewüsten

          In Koutsochera wird der Kontogiannopoulos-Tross noch schnell auf einen Kaffee eingeladen, bevor es ins nächste Dorf geht. Kaltgetränke gibt es nur noch warm, weil es keinen Strom gibt. Auch ein Teil der Holzmasten, an denen die Leitungen durch die wilde Berglandschaft geführt werden, ist den Flammen zum Opfer gefallen. Hunderte Bauernhöfe haben die Flammen vernichtet. Mancherorts liegen verkohlte Tierkadaver noch auf dem heißen Boden. Die einst anmutigen Hänge mutierten vielerorts zu grauen Aschewüsten, aus denen verkohlte Baumstümpfe ragen. An einigen Stellen fressen sich kleinere Flammen noch durch dicke Stämme. Es wirkt, als wären die bewaldeten Berge von einer geheimnisvollen Krankheit befallen, die sie mit hässlichen, pechschwarzen Malen übersät hat.

          „Das liegt an den Richtungswechseln des Windes“, erklärt ein Feuerwehrmann. Der starke Wind hat ihm und seinen Kameraden die Arbeit so schwer gemacht und das Flammenmeer immer weiter getrieben. Inzwischen ist er abgeflaut. In der Gegend von Olympia ist das Feuer weitgehend unter Kontrolle gebracht worden. Die Nachhut hat die Brände, die noch vor Tagen die antiken Sportstätten bedrohten, löschen können. Einige Männer ruhen sich im Schatten aus, rauchen und dösen. Der abgebrannte Hain, in dem traditionell das olympische Feuer entzündet wird, liegt wie ein Mahnmal gegenüber.

          Man wusste um die Gefahr des Sommers

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