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Nach den Protesten in der Türkei : Gezi-Park ohne Folgen

Kritische Minderheit: Demonstranten mit Bildern getöteter Mitstreiter Mitte September in Istanbul Bild: Nurphoto / eyevine

Ministerpräsident Erdogan haben die Proteste in diesem Sommer offenbar kaum geschadet. Von der Mehrheit der Türken wurden sie ohnehin nicht getragen. Eine Begegnung mit den beiden führenden Demoskopen des Landes.

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          Für eine Aussicht, wie sie sich Adil Gür von seinem Büro aus bietet, bezahlen manche Menschen viel Geld. Wenn der Inhaber der türkischen Umfrageagentur A&G (benannt nach den Initialen seines Namens) aus dem Fenster seines Büros auf der asiatischen Seite der Stadt blickt, hat er die ganze Pracht Istanbuls vor sich. Der Bosporus wird dutzendfach durchfurcht von den Istanbuler Nahverkehrsdampfern und allerlei anderem Bootsgewimmel, an der Anlegestelle drüben in Karaköy schimmern, überragt von der Silhouette des Galata-Turms, Kreuzfahrtschiffe weiß in der Herbstsonne. Die Brücke am Goldenen Horn ist zu erkennen und die Hagia Sophia. Nicht jeder, dem sich solch ein Panorama bietet, käme dabei noch zum Arbeiten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Adil Gür verfügt aber über genug Selbstdisziplin, um sich nicht allzu lange davon ablenken zu lassen. Sein Umfrageinstitut gehört zu den renommiertesten des Landes. Seit Jahren fallen Parlaments- oder Lokalwahlen in der Türkei ziemlich zuverlässig so aus, wie von Gür und seinem Meinungsforscherteam prognostiziert. Das hat dem Juristen, der vor drei Jahrzehnten als Student über Nebenjobs zur Demoskopie kam, Respekt und Aufträge eingebracht. Parteien, Stadtverwaltungen und Banken gehören zu den Kunden von A&G. Bei der Parlamentswahl 2011 arbeitete man mit der oppositionellen „Republikanischen Volkspartei“ (CHP) zusammen.

          AKP gewinnt abtrünnige Wähler zurück

          Eine der spannendsten demoskopischen Fragen in der Türkei gilt in diesem Jahr den Folgen der Massenproteste gegen die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan im Istanbuler Gezi-Park, die im Juni die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zogen. Wie haben sich die Proteste, die von Istanbul aus Ankara und andere türkische Städte ergriffen, auf die politische Landschaft der Türkei ausgewirkt? Was hat sich für Erdogan und seine Partei geändert? Glaubt man Adil Gür, lautet die Antwort: nicht viel. Zwar hätten Erdogan und seine Minister die Proteste im Gezi-Park anfangs vollkommen unterschätzt und nicht damit gerechnet, dass sich daraus eine so heftige Opposition entwickeln werde. „Aber ich habe damals schon gesagt, dass all dies wenig Einfluss auf das Wahlverhalten der Türken haben wird“, sagt Gür. Durch die jüngsten Umfragen nicht allein seines Instituts sieht er sich bestätigt.

          Demnach ist die AKP nämlich weiterhin unangefochten stärkste parteipolitische Kraft im Lande. Man müsse dabei eine Entwicklung bedenken, die schon einige Monate vor den Protesten im Gezi-Park einsetze, erläutert Gür: Der von der AKP angestoßene Friedensprozess mit den Kurden, die Verhandlungen mit dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan, die von der Regierung genehmigten Besuche kurdischer Parlamentarier auf dessen Gefängnisinsel Imrali, all das sei von nationalistischen Türken abgelehnt worden und habe in der ersten Jahreshälfte dazu geführt, dass der Zuspruch zur Regierungspartei „deutlich“ zurückgegangen sei, zitiert der Demoskop aus älteren Umfragen seiner Firma. „Die Proteste im Gezi-Park ließen die Gespräche mit Öcalan und der PKK dann aber in den Hintergrund rücken. Wegen Gezi haben sich Wähler, die sich von der AKP abgewendet hatten, der Partei wieder angenähert.“ Zwar könne sich bis zu den Kommunalwahlen im Frühjahr 2014 noch viel ändern, doch in jüngster Zeit sei der Zuspruch zur AKP sogar nochmals leicht gewachsen und liege derzeit bei mehr als 50 Prozent der Stimmen, führt Gür aus.

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