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Nach dem Waffenstillstand in Gaza : Rückkehr in zerstörte Häuser

Auch wenn das Haus noch steht, so kann es zum Wohnen trotzdem zu schwer beschädigt sein Bild: AP

Nach einem Monat Kämpfen im Gazastreifen kehren die geflüchteten Bewohner langsam wieder zurück. Was sie finden, sind oft nur noch Schuttberge und Ruinen.

          Bakr Abu Beid hat drei Schulpulte übereinander gestapelt und eine alte Decke davorgehängt. Seine Frau hat auf dem Betonboden einen Teppich ausgebreitet und zwei Kissen darauf drapiert. Viel mehr konnte der Familienvater aus seinem Haus in Sadschaija nicht retten. „Ich habe alles verloren, aber wir haben dennoch gewonnen“, sagt der 60 Jahre alte Palästinenser. Er klingt trotzig und traurig zugleich. Bis vor vier Wochen, als die israelische Militäroffensive in Gaza begann, war er ein wohlhabender Mann. Er züchtete Schafe. Doch von seiner Herde ist kein einziges Tier übriggeblieben. Sie weidete unweit des israelischen Grenzzauns – dann begann die Militäroffensive. Jetzt haust Bakr abu Beid mit seiner Ehefrau und drei Söhnen in dem Verschlag neben dem Eingang der einer Grundschule im Osten von Gaza-Stadt. Als sie dort ankamen, war schon keine Matratzen den überfüllten Klassenzimmern mehr für sie frei.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die meisten der etwa 3000 Obdachlosen, die hier ausharren, könnten eigentlich nach dem Ende der Kämpfe nach Hause laufen – müssten sie nicht die riesige die Trümmerlandschaft durchqueren, die sich unter der sengenden Sonne erstreckt. Baumaschinen mussten erst einmal Schneisen durch die Schuttberge schlagen. Das Zentrum von Gaza-Stadt, wenige Kilometer weiter westlich, ist weitgehend unbeschädigt geblieben. Aber Große Teile von Sadscharija, das die israelische Armee kurz nach Beginn der Bodenoffensive angegriffen hat, erinnern an den Anblick deutscher Städte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

          „Mein Haus stürzte ein, weil die Israelis die Nachbargebäude bombardierten. Es ist weg“, sagt der Schafzüchter Bakr abu Beid. Er blickt auf Seine Kinder, die vor seinem Unterschlupf barfuß durch das stinkende graue Abwasser laufen. Es quillt unter einem Kanaldeckel hervor, denn in Gaza reicht der Strom auch nicht mehr für die Pumpen der Kanalisation. Von den Geländern der offenen Treppenhäuser tropft es auch. Die Frauen nutzen den Beginn der Feuerpause für einen Waschtag und hängen die nasse Kleidung ihrer Kinder zum Trocknen auf.

          Schulen wurden zu Flüchtlingslagern

          Während die erschöpften Erwachsenen sich wieder solchen alltäglichen Dingen widmen, toben die Kinder durch die schmalen Gänge der Schule. Hunderte Stimmen, die den engen Innenhof erfüllen, übertönen das ununterbrochene Surren der Drohnen am Himmel. Seit sich die letzten Soldaten sich zurückgezogen haben, behält die israelische Armee mit diesen unbemannten Flugzeugen ganz Gaza Tag und Nacht im Blick.

          In gut zwei Wochen beginnt das neue Schuljahr. Die Kinder sollten dann wieder an den Pulten Platz nehmen, die an den Wänden aufgetürmt sind. Doch daran ist nicht zu denken. Mehr als 90 UN-Schulen und einige Dutzend staatliche Schulen haben sich in den vergangenen Wochen in Flüchtlingslager verwandelt, die Notunterkünften in Afrika gleichen. Mehr als 1000 Gebäude mit bis zu 10000 Wohnungen wurden zerstört oder stark beschädigt. Zu Beginn der Waffenruhe haben viele Familien ein paar der Männer losgeschickt, um nachzusehen, was noch zu retten ist. Sie kommen mit Töpfen, ein paar Jacken oder zwei, drei Matratzen zurück, die sie auf dem Autodach festgezurrt oder auf einen Eselskarren geladen haben.

          Langsam trauen sich die Bewohner des Gazastreifens wieder aus ihren Schutzräumern

          Die Menschen sind misstrauisch, viele wagen sich erst zögerlich wieder auf die Straßen zurück. Sie sei zum ersten Mal seit einem Monat wieder mit ihrer drei Jahre alten Tochter vor der Tür, sagt eine verschleierte Mutter. Zu viele Feuerpausen waren vorüber, bevor sie richtig begonnen hatten. Wie am vergangenen Mittwoch auf dem Markt von Sadschaija. Dort öffneten die Händler gerade wieder ihre Stände; die israelische Armee hatte verkündet, das Feuer aus humanitären Gründen kurz einzustellen. Doch die kurze Waffenruhe endete in einem Blutbad. Israelische Soldaten wurden angegriffen, erwiderten das Feuer: 24 Menschen kamen auf dem Markt ums Leben, auf dem jetzt, eine Woche später die ersten Einkäufer das kärgliche Angebot des Fischhändlers prüfen. Es ist noch nicht groß, aber seit Wochenbeginn trauen sich einige mutige Fischer wieder aufs Meer hinaus, wenn auch nur einige hundert Meter weit.

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