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Nach dem Spendenskandal : Unicef sucht neuen Chef

  • -Aktualisiert am

Vertrauensverlust: Spendensammler haben es in diesen Zeiten nicht leicht Bild: ddp

Ein neuer Vorstand, ein neuer Geschäftsführer und wohl auch eine neue Satzung sollen Unicef Deutschland wieder in ruhiges Wasser bringen. Darauf hofft die ganze Spendenbranche - die dem Skandal aber auch Gutes abgewinnen will.

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          Thomas Heilmann will es richten. Der Partner und vormalige Vorstandsvorsitzende der Werbeagentur Scholz & Friends, der sich im Februar dort aus dem Tagesgeschäft in den Aufsichtsrat verabschiedet hat, glaubt, seine neue Aufgabe gefunden zu haben. Er will die Geschäfte des Kinderhilfswerks Unicef übernehmen, das zuletzt aus der schlechten Presse nicht mehr herauskam. Deshalb stellt er sich zur Wahl in den Unicef-Vorstand, die am kommenden Donnerstag stattfinden wird. Er möchte neue Leute zu Unicef bringen, neue Strukturen aufbauen und der Organisation eine neue Satzung verpassen. Sein Reformprogramm wird er am Donnerstag vorstellen.

          Damit er diesen Einfluss nehmen kann, muss er nicht nur in den Vorstand, sondern dort am besten auch den Vorsitz übernehmen. Er bestreitet aber, diesen Posten anzustreben - wie er überhaupt unglücklich darüber ist, dass seine Pläne vorab veröffentlicht wurden. „Ich kandidiere als Vorstandsmitglied, strebe aber nicht den Vorsitz des Vorstands an“, sagt er. Das hat er auch Mitgliedern des ehemaligen Vorstands versichert.

          Mehr Kandidaten als Plätze

          Heilmanns größter Unterstützer, Alexander Rittweger, der Chef von Payback, sieht das anders. Er will sich ebenso am Donnerstag zur Wahl in den Vorstand stellen. Er sagt: „Wenn ich gewählt werde, nehme ich das gerne an. Als Vorstandsvorsitzenden kann ich mir aber besser jemanden wie Herrn Heilmann vorstellen.“ Wer dies sein soll, wenn Heilmann selbst nicht zur Verfügung steht, lässt er offen. Payback ist ein großer Sponsor von Unicef. Denn die Payback-Kunden können ihre gesammelten Punkte an das Kinderhilfswerk spenden. Dadurch hat Payback Einfluss auf Unicef gewonnen - besonders in den Krisenzeiten. Rittweger sagt: „Unicef braucht jetzt einen vernünftigen Mix aus Menschen, die etwas von Wirtschaft und Kommunikation verstehen, und aus der alten Unicef-Welt. Gerade in der PR ist in der letzten Zeit viel falsch gemacht worden.“

          Thomas Heilmann will die Unicef-Geschäfte übernehmen

          Das klingt, als sei die neue Richtung des Spendenkonzerns schon ausgemacht. Doch so leicht geht das nicht. Für die Wahlen am Donnerstag gibt es mehr Kandidaten als Plätze - sowohl für den Vorstand als auch für den Vorstandsvorsitz. Dazu kommt, dass die alte Unicef-Welt den neuen Einflussnahmen aus der Wirtschaft nicht über den Weg traut. Dort raunt es, Heilmann sei nicht ernsthaft genug und habe nicht die Fähigkeit, hart zu arbeiten.

          Die Mission: Zurück in ruhiges Wasser

          Die alte Unicef spricht lieber von Ann Kathrin Linsenhoff als baldiger Vorstandsvorsitzenden. Sie ist nicht nur eine bekannte ehemalige Dressurreiterin und eine reiche Erbin, sondern auch schon lange bei Unicef aktiv. So hat sie 2002 unter dem Dach der Unicef ihre eigene Stiftung gegründet. Seit kurzem ist sie zudem Vorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

          Mit wem auch immer: Ein neuer Vorstand mit neuem Vorsitz, ein neuer Geschäftsführer, wohl auch eine neue Satzung sollen Unicef Deutschland wieder in ruhiges Wasser bringen. Darauf hofft die ganze Spendenbranche - die dem Skandal aber auch Gutes abgewinnen will. Schon damit die Spenden nicht ausbleiben. „Das war ein heilsamer Schock“, urteilt Ulrich Pohl, Vorstandsmitglied des Deutschen Spendenrats. Jetzt soll überall mehr Transparenz geschaffen werden - besonders aber bei den Großen der Branche: ein Neun-Punkte-Plan hier, ein Zehn-Punkte-Plan dort, Richtlinien werden erarbeitet, Mindeststandards vorgeschlagen, Kontrollinstanzen diskutiert.

          „Wir werden mit ganz anderen Erwartungen konfrontiert als Wirtschaftsunternehmen. Dem haben wir nicht genügend Rechnung getragen in der Vergangenheit“, sagt der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Hans-Joachim Preuß. An diesem Montag stellen seine Organisation und die Kindernothilfe in Berlin ihre Leitsätze für mehr Transparenz vor. „Vorher“, hebt Rüdiger Sorneck hervor, Vorsitzender des Deutschen Fundraiser-Verbands, „hätten sich die Organisationen gesagt: Was interessiert die Spender schon, wie hoch zum Beispiel unsere Rücklagen sind.“ Nun wolle man diese Information den Interessierten zumindest zugänglich machen. In der Spendenbranche spricht man von „Glück“, dass der Unicef-Skandal erst Anfang dieses Jahres so richtig losbrach. Vierzig bis fünfzig Prozent des gesamten Spendenaufkommens hierzulande entfallen nämlich auf die letzten sechs Wochen des Jahres. So bleibt Zeit, Vertrauensschäden bis zur nächsten Hauptsaison zu reparieren.

          Transparenz-Preis für Spendenorganisationen

          Zwar klagen einige kleine und mittelgroße Hilfsorganisationen schon über ein geringeres Spendenaufkommen in diesem Frühjahr. Doch der Gesamtschaden lässt sich nach dem ersten Quartal noch kaum beziffern. Außer bei Unicef selbst: 37.000 verlorene Fördermitglieder, 20 Prozent weniger Spenden.

          Lothar Schruff, Professor für Wirtschaftswissenschaften, wertet freiwillig eingereichte Geschäftsberichte von Spendenorganisationen aus. Aus den Einsendungen wird später der Sieger des Transparenz-Preises der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers gekürt. „Wir hatten zuletzt viele Anfragen von Organisationen, die mitmachen wollen“, berichtet Schruff. Der Preis wird seit 2005 vergeben, in diesem Jahr will auch Unicef erstmals dabei sein - und stellt gleicht eine ausführlichere Bilanz mit Gewinn-und-Verlust-Rechnungen in Aussicht.

          Das ist Wasser auf die Mühlen derer, die angesichts der lange verbreiteten Laxheit im Umgang mit den Finanzdaten nach dem Gesetzgeber rufen. „Ein gutes Stück Selbstprüfung, ja. Aber innerhalb eines verbindlichen gesetzlichen Rahmens“, fordert Spendenrat-Vorstand Pohl. Der Spendenfachmann Schruff dagegen sagt: „Der Gesetzgeber ist hier überfordert und kann die vielfältigen Probleme nicht lösen“, der Wettbewerb unter den Hilfsorganisationen um das Vertrauen der Spender könne das regeln.

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