https://www.faz.net/-gpf-zdwi

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher : Dem Serbenführer auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Vor Gericht: Karadzic im August 2008 im Haag Bild: dpa

Nick Hawton hat mit Geheimdienstlern gesprochen, die wissen, wo sich Karadzic lange Jahre versteckt hielt. In seinem Buch „The Quest for Radovan Karadzic“ zeichnet der langjährige BBC-Balkan-Korrespondent das Versagen des Westens bei der Suche nach dem einstigen bosnischen Serbenführer nach.

          2 Min.

          Er war der meist gesuchte Mann Europas, wenn nicht gar der Welt. Aber als nach den Anschlägen des 11. September 2001 Usama bin Ladin ins Visier der Vereinigten Staaten geriet und im Frühjahr 2003 Saddam Hussein untertauchte, ging das Interesse an Radovan Karadzic rapide zurück.

          Mal verortete man den einstigen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik in einem montenegrinischen Kloster, ein andernmal in Moskau. Doch wo sich der Mann, der die Belagerung Sarajewos zu verantworten hat, wirklich aufhielt, wusste keiner, der ihn verhaften wollte - auch nicht die damalige Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, Carla del Ponte.

          Verhaftet am Stadtrand von Belgrad

          Karadzics Festnahme 13 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica vergangenen Sommer bildete eine Sensation: Kaum zu glauben, dass der selbst ernannte Wunderheiler mit grauem Pferdeschwanz und Vollbart jener vom Haager Tribunal wegen Genozids und Kriegsverbrechens Angeklagte sein sollte, der sich kurz nach Ende des Bosnien-Krieges 1995 auf der Politik zurückgezogen hatte.

          Unterstüztung für ihren Helden: Belgrad am 29. Juli 2008
          Unterstüztung für ihren Helden: Belgrad am 29. Juli 2008 : Bild: AP

          In einem Regionalbus am Stadtrand von Belgrad schlugen die serbischen Sicherheitskräfte im Juli 2008 zu, unweit der Wohnung in der Yuri-Gagarin-Straße, in die Karadzic ein Jahr zuvor gezogen war.

          Nick Hawton, langjähriger Balkan-Korrespondent der BBC, hat mit serbischen Geheimdienstmitarbeitern gesprochen, die die Details der Verhaftung kennen - und Freunde des selbst ernannten Wunderheilers getroffen, die nicht ahnten, wer sich hinter der seltsamen Verkleidung verbarg.

          Mächtige Helfer in Belgrad

          In fesselndem Reportage-Stil zeichnet er im jetzt auf englisch erschienen „The Quest for Radovan Karadzic“ einen politischen Kriminalfall nach, der die Welt über Jahre in Atem hielt. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte wird dem Leser hier hautnah präsentiert, denn auch mit den militärischen und politischen Entscheidungsträgern, mit Präsidenten, Bischöfen und Generälen ist Hawton zusammengekommen.

          Seine Botschaft ist eindeutig: Mächtige Helfer in Belgrad hielten nach Ende des Bosnien-Krieges ihre schützende Hand über den 1945 in Montenegro geborenen, 1960 nach Sarajevo gezogenen Karadzic. Doch als im Herbst 2000 Slobodan Milosevic gestürzt wurde, zog sich die Schlinge enger um den gelernten Psychiater und Poeten - selbst enge Mitstreiter konnten ihn nun nicht mehr schützen, die Festnahmeversuche der internationalen Truppen in Bosnien-Hercegovina häuften sich.

          Nach der Auslieferung Milosevis nach Den Haag, schreibt Hawton, bezahlte Karadzic seine Bodyguards noch selbst, aber nach der Wahl des prowestlichen Boris Tadic' zum Präsidenten in Belgrad war das politisch nicht mehr möglich.

          Beklaut im Herzen Belgrads

          Ab 2003 stellte der serbische Geheimdienst BIA einen eigenen Mitarbeiter zur Betreuung des 2005 auf eigenen Entschluss zum Wunderheiler mutierten mutmaßlichen Kriegsverbrechers ab. Die Tatsache, dass ihm in der St. Marks-Kirche im Herzen Belgrads eine Stofftasche mit all seinen Handys geklaut werden konnte, zeigt, wie verwundbar er da bereits geworden war.

          Inwieweit Karadzics Familie in das Versteckspiel involviert war, kann Hawton zwar nicht klären - doch die Eröffnung einer Alternativmedizinpraxis durch seine Tochter Sonja im bosnisch-serbischen Pale legt zumindest den Schluss nahe, dass die Verwandten mehr wussten, als sie dem Autor während der Interviews preisgaben.

          Die im September im Haager Tribunal erwartete Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Karadzic könnte Klarheit bringen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf Tour in Berlin: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet nach seinem Auftritt beim Tag der Deutschen Familienunternehmen

          Bundestagswahl 2021 : CDU will Betriebe steuerlich schonen

          Das Wahlprogramm der Union gewinnt erste Konturen mit einem Belastungsdeckel für Unternehmen. Offen ist, wie Mehrausgaben für Klima und Soziales zur Schuldenbremse passen.

          Wahlkampf mit Euro und EU : Marine Le Pen auf dem Vormarsch

          Forderungen nach einem Austritt aus dem Euro und der EU gehören nicht mehr zum Programm der polarisierenden Französin. Warum Le Pen vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr wieder Hochkonjunktur hat.
          Eine Schulklasse im Ortsteil Britz in Berlin-Neukölln: Lehrer werden in der Hauptstadt seit 2004 nicht mehr verbeamtet.

          Keine Verbeamtung : Warum viele Lehrer Berlin verlassen

          Seit 2004 werden Lehrer in Berlin nicht mehr verbeamtet. Viele junge Lehrer suchen sich deshalb nach dem Studium einen anderen Arbeitsort. Jetzt schlagen die Schulleiter Alarm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.