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Muslime in Großbritannien : Terror, Made in Britain

Zwei Islamisten in einem Propagandavideo des Islamischen Staat wurden als Briten identifiziert. Sowohl der Mann in der Mitte, als auch der auf der linken Seite, sollen aus dem Königreich stammen Bild: REUTERS

Großbritannien hat ein Extremismusproblem: Junge britische Muslime gehen lieber zum Islamischen Staat als in die Armee. Diese Realitäten werden im Land aber nur ungern gehört.

          Am besten wären alle Muslime wie der Läufer Mo Farah. Als „Mo“, ein gebürtiger Somalier, im olympischen Londoner Sommer zwei Goldmedaillen für das Königreich holte und sich stolz in den Union Jack hüllte, schien der Traum von der harmonischen, multireligiösen Einwanderungsgesellschaft perfekt. Doch Bürger, die den Propheten und die Queen gleichermaßen in Ehren halten, gibt es seltener, als man sich wünschen würde. Gerade bei jungen Muslimen ist der Union Jack weniger geschätzt als die grüne Fahne des Islam, wenn nicht gar die schwarze Dschihadistenflagge. Zurzeit dienen mehr britische Muslime in der Terrororganisation Islamischer Staat als in der British Army.

          Die Briten werden gerade mit Realitäten konfrontiert, die sie ungern hören. Nach ersten Auswertungen des Videomaterials aus dem Irak gilt als nahezu sicher, dass der amerikanische Journalist James Foley von einem Mann aus London exekutiert wurde - im Namen Allahs und des „Islamischen Staats“. Entsetzt ringt die Nation nun die Hände. Wie konnte es nur so weit kommen?

          Bislang war es der Beobachtung von Terrorexperten überlassen, dass Muslime aus dem Vereinigten Königreich eine Sonderrolle im globalen Dschihad spielen. Briten, zumal Absolventen guter Universitäten, kennen den „Feind“ im Westen besser, sind oft eloquenter und beim Reisen weniger verdächtig als ihre Kampfkumpane aus dem Süden Asiens oder der arabischen Welt. Die Spur des Terrors, der sich als „Made in Britain“ oder „Made by Britains“ bezeichnen lässt, zieht sich von der Enthauptung des „Wall Street Journal“-Korrespondenten Daniel Pearl in Pakistan über Bombenanschläge in Tel Aviv und London bis hin zur grausigen Massakrierung des Soldaten Lee Rigby im vergangenen Jahr.

          Oft für Propaganda eingesetzt

          Dass britische Gotteskrieger zu den „Bösartigsten“ zählen, wie es ein Wissenschaftler vom Londoner Zentrum für Radikalisierungsstudien ausdrückte, hat damit zu tun, dass sie ihrer Sprache wegen oft für propagandistische Zwecke eingespannt werden. Eine Rolle spielt aber auch, dass das Königreich Einwanderer aus Ländern anzieht, in denen sich islamischer Fundamentalismus und Hass auf den Westen besonders breitgemacht haben.

          Umso rätselhafter erscheint die Naivität, mit der die Briten auf den religiös-politischen Extremismus in ihrer Mitte reagieren. Seit Jahren sehen sie dabei zu, wie in ihren Vierteln und Vorstädten homogene muslimische Parallelgesellschaften entstehen. Kritik daran wird kaum geübt, auch weil die, die es wagen, mit dem Vorwurf der „Islamophobie“ leben müssen.

          Muslime wie den Läufer Mo Farah gibt es in Großbritannien zu wenige

          Die Folgen sind jetzt zu besichtigen. In Birmingham stehen sechs Schulen vor der Schließung, weil sie islamistisch unterwandert wurden - auf einigen sind mehr als 95 Prozent muslimische Schüler angemeldet. Im Londoner Stadtteil Tower Hamlets werden Frauen in Miniröcken von jungen Muslimen „zurechtgewiesen“ - auch das verwundert nicht, wenn im muslimisch majorisierten Stadtrat des Bezirks schwule Abgeordnete ungestraft verunglimpft werden dürfen.

          Es fehlt der Wille, frühzeitig einzugreifen

          Wenn schon die „Financial Times“ die Politiker im Königreich auffordert, „ehrlich anzuerkennen, dass Britannien ein Extremismusproblem hat“, darf das als Weckruf verstanden werden. Wohin falsch verstandene Toleranz führt, zeigen die Reflexe nach dem Rigby-Mord, als die erste Sorge nicht den Angehörigen des Sicherheitsapparats galt, die selbst in London Opfer fanatischer Islamisten werden können, sondern den Moscheen im Land, die angeblich Anschläge zu befürchten hatten.

          Den Sicherheitsbehörden, die in den vergangenen Jahren so manchen islamistischen Anschlag verhindert haben, mangelt es nicht an Befugnissen. Wo sie wollen, können sie kontrollieren, verhören und einsperren. Woran es fehlt, ist der Wille, frühzeitig einzugreifen. Würden die Hassprediger nach dem ersten Aufruf zum Heiligen Krieg aus dem Land geworfen werden, könnten sich die Geheimdienste die spätere Beschattung indoktrinierter Schüler ersparen. Stattdessen werden gefährliche Islam-Aktivisten wie Anjem Chaudary sogar ins Fernsehstudio eingeladen. So ist das Königreich zu einem Rückzugsort für Hassprediger geworden, die in anderen Ländern nicht mehr auftreten dürfen.

          Aus diesen Gründen sind die Briten gut beraten, die breite Debatte über die islamische Einwanderung, die nun überall gefordert wird, ernsthaft und mit Konsequenzen zu führen. Am Anfang sollte die Bereitschaft stehen, die Probleme beim Namen zu nennen. Solange sich die Muslime im Königreich unfähig zeigen, Fehlentwicklungen in ihren Gemeinschaften anzuerkennen und gegen sie vorzugehen, fällt Staat und Gesellschaft die Aufgabe zu, klare Grenzen zu setzen.

          Dass guter Wille nicht ausreicht, um alle Muslime zur Beherzigung des westlichen Regelwerks zu bringen, ist hinlänglich bewiesen. Jetzt gilt es, Maßnahmen zu finden, um die Integrationsunwilligen unter ihnen, an die bestehende Ordnung und ihre Grundwerte heranzuführen - notfalls mit Zwang. Das beginnt an den Schulen. Michael Gove nannte dies die „Austrocknung des Sumpfes“, kurz bevor er aus dem Amt des Bildungsministers entfernt wurde.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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