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Muslima im Sportunterricht : Integrationsauftrag

Islamgerechter Ganzkörperbadeanzug Burkini Bild: AFP

Auch muslimische Schülerinnen müssen am Schwimmunterricht teilnehmen. So hat es das Bundesverwaltungsgericht entschieden. Gut so. Das Grundgesetz schützt zwar die Religionsfreiheit, hat aber auch einen Integrationsauftrag. Und dazu gehört, dass sich religiöse Minderheiten nicht abschotten.

          Der Streit über die Beteiligung muslimischer Mädchen am „koedukativen“ Sportunterricht, und hier besonders am Schwimmunterricht, hat lange Zeit die Grenzen des Grundgesetzes getestet. Vor zwanzig Jahren hat das Bundesverwaltungsgericht aus der Abwägung zwischen Religionsfreiheit, staatlichem Bildungsauftrag und Elternrecht noch abgeleitet, dass ein zwölf Jahre altes Mädchen nicht am gemischten Sportunterricht teilnehmen müsse. Selbst eine besondere Bekleidung sei keine Gewähr dafür, dass das Kind fremde Jungen oder Männer zu Gesicht bekomme, die es so, womöglich halbnackt, nicht sehen dürfe. Das Gericht wollte es damals nicht gelten lassen, dass die Wirklichkeit, die das muslimische Mädchen außerhalb des Unterrichts in Deutschland „ertragen“ müsse, sich von der in der Schule nicht allzu sehr unterscheide. Es war vielmehr der Auffassung, dass der Alltag strenggläubiger Muslime sehr wohl eine Abschottung gestatte, die dem Koran gehorche und deshalb von der Schule respektiert werden müsse.

          Auf dieses Urteil beriefen sich jetzt die Kläger, die es mit dem Koran auch dann für unvereinbar halten, wenn ihr Kind im „Burkini“ am Schwimmunterricht teilnimmt - eine oft genutzte Verlegenheitslösung im Streit über die Schulpflicht muslimischer Mädchen. Nicht nur die Bekleidungsindustrie hat allerdings in den vergangenen zwanzig Jahren Fortschritte gemacht. Vor zehn Jahren wies das Bundesverfassungsgericht in anderer Sache auf den Integrationsauftrag des Grundgesetzes hin, der nicht nur darin bestehe, dass die Religionsfreiheit geachtet werde. Der Auftrag gebiete es vielmehr auch, darauf zu achten, dass sich religiöse Minderheiten nicht abschotten und sich einem Dialog mit Andersdenkenden nicht verschließen. Es ging dabei nicht um Muslime, sondern um die Schulpflicht bibeltreuer Christen. Wo aber werden Offenheit und Pluralität gelernt, wenn nicht in der Schule? Wo wird besser gelernt, mit Wertvorstellungen umzugehen, die man für sich selbst nicht gelten lässt?

          Der Hessische Verwaltungsgerichtshof war dem Bundesverfassungsgericht und diesem Integrationsauftrag gefolgt, als es die Burkini-Klage vor einem Jahr abgewiesen hatte. Die Grenze, die das Grundgesetz setzt, war damit endlich wieder klar. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich deshalb nach zwanzig Jahren aus gutem Grund korrigiert.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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