https://www.faz.net/-gpf-976d7

Münchner Sicherheitskonferenz : Was wir Amerikaner und Europäer jetzt tun müssen

  • -Aktualisiert am

Bloß nicht zu gemütlich werden. Amerikaner und Deutsche müssen sich ihr Verhältnis jede Generation neu erarbeiten. Bild: dpa

Die zunehmend ungemütliche Nachbarschaft Europas verlangt eine angemessene strategische Kultur. Es ist Zeit, dass wir Amerikaner und Europäer uns an die Arbeit machen. Ein Gastbeitrag

          Kaum eine deutsche Zeitung, da bildet auch diese keine Ausnahme, hat es in den vergangenen Wochen versäumt darüber zu schreiben, dass die Mauer mittlerweile länger weg ist als sie gestanden hat. Am 9. November 1989, ich war damals fünf Jahre alt, verfolgte ich vor dem heimischen Fernsehen in New York die Ereignisse, und noch heute sehe ich die Kinder meines Alters, wie sie damals über den Bildschirm liefen. Mein Mann, er ist Berliner und ein paar Jahre älter als ich, gehörte zu denen, die sich mit einem Hammer Stücke aus der Mauer brachen. Fast drei Jahrzehnte später sollte sich unsere Generation, die den Kalten Krieg praktisch nicht mehr erlebte, darüber bewusst sein, warum dieser historische Moment die Bedeutung der transatlantischen Allianz so deutlich hervorhob und bekräftigen, dass diese Allianz auch in einer komplizierter gewordenen und stärker differenzierten Welt weiter von zentraler Bedeutung ist.

          Hier geht es zum englischen Text.

          Verankert in unseren Wirtschaftsbeziehungen und der Verteidigungspolitik sowie durch unser Einstehen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit muss eine neue Generation diese Allianz fortführen. Doch dieses Grundgerüst kann für diese Generation kein Selbstzweck sein. Eine Generation, die ein völlig anderes Gefühl für Distanzen besitzt, wozu unter anderem das Internet, häufige Flugreisen oder der (insgesamt betrachtet) ökonomische Wohlstand der Nachkriegszeit beigetragen haben, der das Reisen überhaupt erst ermöglicht hat. Diese Grundpfeiler dürfen nicht zur Disposition gestellt werden. Unsere Herausforderung für die Zukunft wird sein, eine gemeinsame Sicht auf die Welt und strategische Kultur zu entwickeln, die einen gemeinsamen Ansatz für eine Reihe geopolitischer Herausforderungen bietet, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

          Von Washington aus betrachtet hängt die Zukunft der transatlantischen Beziehung von einem starken und handlungsfähigen Europa ab,  das bestrebt ist, seine Verbindungen auf die andere Seite des Atlantik zu bewahren, zu vertiefen und die Nato zu stärken. Zugleich muss es auch die für ein eigenständiges Handeln notwendigen außenpolitischen und militärischen Mittel entwickeln, die im Zusammenschluss gleichgesinnter europäischer Länder oder auf Ebene der EU-Institutionen zur Unterstützung regionaler und globaler Sicherheitsbemühungen ihre Umsetzung finden. Insbesondere müssen die Bemühungen zur Verteidigungsintegration dazu beitragen, die Teilhabe an einem starken Europa zu fördern.

          Die zunehmend ungemütliche Nachbarschaft Europas verlangt eine den Herausforderungen jenseits der europäischen Grenzen angemessene strategische Kultur. Wir brauchen uns nur das extrem verwobene Geflecht gegenläufiger Interessen in Syrien, den unlösbaren Konflikt in der Ost-Ukraine oder das Sicherheitsvakuum in der Sahelzone anzuschauen, um zu verstehen, wie kompliziert die transatlantische Zusammenarbeit werden wird. Soll dieser Prozess fruchtbar sein, werden Regierungen und Institutionen die innereuropäischen Differenzen überwinden müssen, etwa mit Blick auf die Rolle Großbritanniens als integrierten und entscheidenden Akteur der europäischen Sicherheitsarchitektur oder hinsichtlich der Skepsis bestimmter Wählergruppen gegenüber größerer militärischer Macht und einer aktiveren Außenpolitik.

          Eine neue transatlantische Generation wird auch eine neue Konstellation von Akteuren hervorbringen müssen. Dies kann die Tür öffnen für eine Zusammenarbeit in Fragen wie den Sicherheitsgefahren durch Angriffe auf kritische Infrastrukturen; Versuche, demokratische Prozesse zu untergraben; oder wirtschaftliche Entscheidungen, anhand derer Dritte Macht über die Entscheidungsfindung von Regierungen und der Privatwirtschaft gewinnen. Zum Schutz unserer Werte und der Demokratie müssen die Vereinigten Staaten und Europa unkonventionellen Bedrohungen Seite an Seite begegnen. Es ist deutlich geworden, dass wir bisher noch keinen kohärenten interdisziplinären Ansatz gefunden haben, der über die traditionellen Ansätze von Regierungen hinausgeht. Wahrscheinlich wird dies – zumindest anfangs – eine für die beteiligten Experten, die normalerweise nicht gemeinsam in einem Raum sind, gewöhnungsbedürftige Zusammenarbeit verlangen.

          Mit ziemlicher Sicherheit dürften die Herausforderungen an die Wirtschaftssicherheit, vor die uns China stellt, in den Fokus der transatlantischen Zusammenarbeit rücken. Jedoch sind die Zuständigen in diesem Bereich Wirtschaftsexperten, Mitarbeiter der Aufsichtsbehörden und Analysten, die auf Grundlage ihrer jeweiligen Stellenanforderungen durchaus divergierende politische Prioritäten setzen können. Als sie ihre Jobs annahmen, gingen diese Akteure vermutlich nicht davon aus, dass sie Fragen der nationalen Sicherheit bearbeiten würden, noch haben sie sich vorgestellt, in einen Kampf zwischen Modellen des öffentlichen und privaten Sektors der Digital Governance zu geraten oder sich mit wackeligen Definitionen geistiger Eigentumsrechte auseinanderzusetzen.

          Viele Kollegen in meinem Alter, die sich nicht automatisch als Transatlantiker definieren würden, tauschen sich dennoch täglich mit ihren europäischen Kollegen über Nordkorea, Iran und Russland aus, wie auch über Cyber-Bedrohungen, illegale Finanzflüsse und Energiesicherheit. Weil wir nicht ohne einander erfolgreich sein können, müssen sie dabei gar nicht von der inhärenten Notwendigkeit dieser Gespräche überzeugt sein. Es ist mir eine Ehre, dieses Jahr Teil des Munich Young Leaders Programms zu sein, von der globalen Gemeinschaft zu lernen, Ideen auszutauschen und etwas für mich nach Hause mitnehmen zu dürfen. Unsere Aufgabe lautet, über diesen Akt der Selbstdefinition hinauszugehen und uns an die Arbeit zu machen.

          Julia Friedlander ist Munich Young Leader 2018 und Direktorin für die Europäische Union, Süd-Europa und wirtschaftliche Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten von Amerika.

          Weitere Themen

          Neue Streiks vor Weihnachten? Video-Seite öffnen

          Einigung von Bahn und EVG : Neue Streiks vor Weihnachten?

          Die Deutsche Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) haben sich in Berlin auf einen weitreichenden Tarifabschluss verständigt. Die Löhne steigen in zwei Stufen um insgesamt 6,1 Prozent.

          Mehr Realismus, bitte!

          INF-Debatte : Mehr Realismus, bitte!

          Niemand wünscht sich einen neuen nuklearen Rüstungswettlauf. Aber an einer europäischen Politik der Stärke gegenüber Russland führt kein Weg vorbei. Ein Gastbeitrag.

          Heftige Proteste gegen die Regierung Video-Seite öffnen

          Gesetzesänderung in Ungarn : Heftige Proteste gegen die Regierung

          Die Demonstranten kritisieren unter anderem die Verabschiedung eines neuen umstrittenen Arbeitsgesetzes, das es Arbeitgebern ermöglichen soll, von ihren Angestellten bis zu 400 Überstunden pro Jahr verlangen zu können.

          Topmeldungen

          Viel Lärm um Nichts: Theresa May steht nach ihren erfolglosen Verhandlungen auf dem EU-Gipfel in der Heimat mal wieder unter Druck.

          Brexit-Kommentar : Auf Mays nächsten Zug kommt es an

          Auf den Tisch hauen, wie es einst Maggie Thatcher tat, kann die heutige Premierministerin in der EU nicht mehr. Doch ein zweites Referendum könnte ihr helfen.
          Münchens Robert Lewandowski (Mitte) bejubelt seinen Treffer zum 4:0.

          4:0 in Hannover : Gnadenlose Bayern setzen Aufholjagd fort

          Der deutsche Fußball-Rekordmeister kommt in Hannover zu einem ungefährdeten Erfolg. Zwei Rückkehrer stehen bei den Münchenern dabei in der Startaufstellung. Und der Sieg hätte noch deutlicher ausfallen können.
          Moses Pelham über Frankfurt: „Ich weiß nicht, ob meine Geschichte in einer anderen Stadt möglich gewesen wäre.“

          FAZ Plus Artikel: Moses Pelham : Rap und Rechtsgeschichte

          Der Musiker Moses Pelham hat Rap mit deutschen Texten dem Massenpublikum schmackhaft gemacht. Als Produzent verhalf er Sabrina Setlur und Xavier Naidoo zum Durchbruch – und schrieb Rechtsgeschichte.
          Das Cover von „GG – Das Grundgesetz als Magazin“

          Das Grundgesetz als Magazin : Verfassung auf Hochglanz gebracht

          Damit einzelne Artikel nicht in einer grauen Paragraphenmasse untergehen, publiziert der Journalist Oliver Wurm das Grundgesetz als Magazin. Damit erzielt er einen bemerkenswerten Effekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.