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Moskaus Perspektive : Die Furcht vor dem Erstschlag

  • -Aktualisiert am

Putin zweifelt an Washingtons Absichten Bild: AP

Moskau misstraut Amerikas Absichten bei der Raketenabwehr. Der Führungsstab um Präsident Putin, Militärs und Fachleute für Waffen deuten die geplanten Installationen in Osteuropa als strategische Schwächung Russlands.

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          Russische Bedenken gegen die amerikanischen Pläne für einen Raketenabwehrschirm sind nicht neu. Aber je konkretere Gestalt diese Pläne annehmen und je näher die Stationierungsorte für Elemente dieses Systems an Russlands Grenzen heranrücken, desto nervöser wird Moskau. Auch die Kritik an der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit „dem Westen“, mit Amerika und mit der Nato, wird schärfer.

          In einem am Mittwoch veröffentlichten Gespräch mit der Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ sagte der russische Generalstabschef Jurij Balujewskij, durch die Stationierung von Elementen des Raketenabwehrsystems der Amerikaner in Polen und der Tschechischen Republik ändere sich der Charakter der amerikanischen Militärpräsenz in Europa von Grund auf.

          „Asymmetrische Antwort“ auf das Abwehrsystem

          Die vorgeschobenen Einheiten der Amerikaner würden künftig eine strategische Bedeutung erhalten, die sie bislang nicht besitzen. Trotz der Zusicherung aus dem Westen, dass sich das im Aufbau befindliche neue Potential nicht gegen Russland richte, müsse man davon ausgehen, dass es unter gewissen Umständen die Abschreckungsfähigkeit Russlands beeinträchtige. Dieser Tage hatte Balujewskij gesagt, dass die Zusammenarbeit mit dem Westen die militärische Sicherheit Russlands nicht erhöht habe.

          Was die russische Fähigkeit angeht, Raketenabwehrsysteme zu überwinden, so bekräftigte Balujewskij in der „Rossijskaja Gaseta“ die Behauptung Präsident Putins, Russland verfüge über Raketen, die jedes Raketenabwehrsystem überwinden könnten. Bereits vor zwei Jahren hatte Putin die Entwicklung solcher Waffen als „asymmetrische Antwort“ auf ein Raketenabwehrsystem angekündigt.

          Russland hat alles einkalkuliert

          Der Generaldirektor und Chefkonstrukteur des Moskauer Instituts für Wärmetechnik - es handelt sich um eines der wichtigsten Rüstungsunternehmen Russlands - Jurij Solomonow, war vor einigen Monaten konkreter geworden. Bei der Entwicklung des strategischen landgestützten Raketensystems Topol-M und des seegestützten Raketensystems Bulawa-30 sei alles, was gegenwärtig auf der Welt geschieht, einschließlich der Entwicklung des amerikanischen Raketenabwehrsystems, einkalkuliert worden, sagte Solomonow der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti im Oktober.

          Es geht dabei um die Möglichkeit, die neuen Topol-M-Raketen mit mehreren individuell steuerbaren Gefechtsköpfen einer neuen Generation auszurüsten, und um das Erreichen hoher Fluggeschwindigkeiten bis zur Hyperschallgeschwindigkeit. Bis 2015 will Russland 69 Topol-M-Systeme in Dienst stellen.

          Noch gilt der Start-1-Vertrag

          Bislang sind laut offiziellen Angaben nur Topol-M-Raketen mit jeweils einem Gefechtskopf in Dienst gestellt worden, um veraltete Systeme abzulösen. Das würde den Auflagen des Start-1-Vertrags von 1993 entsprechen, der bis 2009 gilt. Danach könnten die Topol-M jedoch mit mehreren Sprengköpfen einer neuen Generation ausgerüstet werden.

          Unter Fachleuten gilt die Rakete schon heute als hervorragende Zweitschlagswaffe, mit der aber auch ein erfolgreicher Erstschlag geführt werden könne. Der Gefechtskopf der Topol-M, heißt es, sei in der Lage, nach dem Start von einer ballistischen in eine semiballistische Flugbahn zu wechseln und sei daher von Raketenabwehrsystemen nur schwer zu zerstören. Tests der Bulawa 30 sind dagegen bislang von Rückschlägen begleitet gewesen.

          Wunsch nach Zusammenarbeit

          Amerika hatte Ende 2001 den ABM-Vertrag über die Begrenzung der strategischen Raketenabwehr gekündigt, der mit der Sowjetunion dreißig Jahre zuvor abgeschlossen worden war, und so die Möglichkeit erlangt, ein umfassendes Raketenabwehrsystem aufzubauen. Vor dieser amerikanischen Entscheidung hatte Russland versucht, die Nato für eine gemeinsame Raketenabwehr für Europa zu gewinnen.

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