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Moskauer Geiseldrama : Das Schweigen der Behörden

Die Angehörigen der Opfer stellen Fragen Bild: AP

Ein Jahr nach dem Geiseldrama in einem Moskauer Musicaltheater sind noch viele Fragen offen. Entschädigungsklagen von Hinterbliebenen wurden mit wenigen Ausnahmen abgewiesen.

          4 Min.

          Drei Kraniche fliegen in den Himmel. Die Bronzevögel, sollen - als Denkmal - an die Tage erinnern, die Moskau, Rußland und die Welt vor einem Jahr in Atem hielten. Tschetschenische Terroristen hatten mehr als neunhundert Zuschauer in einem Musical-Theater in ihre Gewalt gebracht. Sie drohten, das Gebäude in die Luft zu sprengen, falls Rußland seine Truppen nicht aus Tschetschenien abziehen würde.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Neben dem Mahnmal, das am Donnerstag vor dem verwaisten Theaterzentrum an der Melnikow-Straße enthüllt wurde, ist eine Tafel mit 130 Namen angebracht worden - so viele Zuschauer kamen ums Leben. Fünf von ihnen sind nach Angaben der Moskauer Staatsanwaltschaft von den Terroristen erschossen worden. Die anderen 125 starben im Verlauf ihrer Befreiung, nachdem die Sondereinheiten bei der Erstürmung ein Betäubungsgas eingesetzt hatten. Wer für ihren Tod verantwortlich ist, darüber wird in Rußland ein Jahr nach dem Geiseldrama weiter gestritten.

          Alle Geiselnehmer erschossen

          Vierzig tschetschenische Terroristen, 21 Männer und 19 Frauen, hatten 912 Zuschauer des Musicals "Nord-Ost" in ihre Gewalt gebracht. Alle Geiselnehmer wurde bei der Erstürmung erschossen. Sieben von ihnen sind nicht identifiziert, sie hatten keine oder falsche Dokumente bei sich. Ein 41. angeblicher Terrorist war in Wirklichkeit eine erschossene Geisel, wie sich Monate später herausstellte. Die Leichen der Terroristen übergab man nicht ihren Verwandten. Mehrere Häuser von Angehörigen der Geiselnehmer wurden in Tschetschenien von "Unbekannten in Uniform" in die Luft gesprengt.

          Der Terrorakt, so hat die Staatsanwaltschaft ermittelt, war von langer Hand geplant. Waffen und Sprengstoff wurden mit Lastwagen unter Melonen und Gemüse nach Moskau gebracht. Mehr als 50 Personen haben laut Staatsanwaltschaft die Tat vorbereitet. Als Drahtzieher wird der tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew betrachtet. Er wurde in dieser Woche zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Fünf Helfershelfer stehen vor Gericht.

          Warum aber zündeten die Geiselnehmer ihre Sprengsätze, die das ganze Theater zerstört hätten, nicht, wenn das Gas erst nach Minuten wirkte? Möglicherweise waren die Bomben zum Zeitpunkt der Erstürmung nicht scharf. Eine der Geiselnehmerinnen, so schreibt die Zeitung "Kommersant", habe eine Fernbedienung in der einen Hand gehabt, mit der man Sprengsätze zündet, in der anderen jedoch die Batterien, ohne welche die Zünder nicht funktionieren konnten. Das erklärt indes nicht, warum die tschetschenischen Frauen ihre Sprenggürtel, die sie am Körper trugen, nicht zur Explosion brachten. War es notwendig, alle Terroristen zu erschießen?

          „Glänzende Operation“

          Ohne offizielle Antwort bleibt auch die Frage, warum 125 Menschen im Zuge einer Operation starben, welche die russische Führung als "glänzend" bezeichnet und für die sie zahlreiche Orden verteilt hat. Russische Menschenrechtsgruppen warfen in dieser Woche Präsident Putin vor, er führe die Öffentlichkeit in die Irre und verheimliche Informationen darüber, wer für den Gaseinsatz verantwortlich sei. "Das Gas war nicht schädlich, es war unschädlich. Es konnte Menschen überhaupt keinen Schaden zufügen", hatte Putin vor einem Monat amerikanischen Journalisten gesagt. Die Erschöpfung der Geiseln, das tagelange Ausharren in Todesangst, die unzureichende Ernährung - all das habe den Tod der Geiseln verursacht. So hat auch eine staatliche Mediziner-Kommission befunden. Die Frage, ob es angemessen war, das Gas, das den Narkosestoff Phentanyl enthielt und zuvor nie verwendet worden war, einzusetzen, wird indes nicht gestellt.

          Die möglichen Folgen des Gaseinsatzes hatten die Behörden jedenfalls nicht gekannt, nicht vorausgesehen oder nicht ernst genommen. So wurden zuwenig Rettungswagen zum Theaterzentrum beordert, wodurch viele Gerettete weder rechtzeitig behandelt noch schnell in Krankenhäuser gebracht werden konnten. Achtzig Prozent der Rettungsmannschaften waren nicht mit dem lebensrettenden Gegengift ausgestattet. Viele Ärzte waren nicht einmal darüber informiert, daß ein "Spezialmittel" eingesetzt worden war, geschweige denn, um welchen Wirkstoff es sich handelte. Viele Besinnungslose wurden in Bussen oder auf der Erde abgelegt, aufeinander gestapelt, blieben stundenlang ohne Hilfe.

          Verbitterte Angehörige

          Die Angehörigen sind verbittert. "Wie kann man von Rettung reden, wenn meine Tochter auf den Boden eines Busses lag, mit anderen Bewußtlosen auf ihr drauf?" sagt Swetlana Gubarewa, eine Mutter, die selbst das Geiseldrama überlebte, der Zeitung "Iswestija". Ihres Schwiegersohns habe sich ein Arzt erst anderthalb Stunden nach der Befreiung angenommen, "um seinen Tod festzustellen". Auch in den Krankenhäusern fehlte es an Fachleuten, die Vergiftungen behandeln konnten. Mehrere Geiseln, sagt die Staatsanwaltschaft, seien dort gestorben. Über Ermittlungen, wer seine Amtspflichten verletzt und fahrlässig den Tod der Geiseln herbeigeführt hat, ist nichts bekannt - es gibt sie anscheinend nicht. Das Parlament lehnte es ab, eine Untersuchungskommission einzusetzen.

          Die Stadt Moskau hat den Familien der umgekommenen Geiseln etwa 3000 Euro gezahlt, denen, die überlebten, die Hälfte. Sechzig Kinder verloren Vater oder Mutter, drei wurden Vollwaisen. Sie erhalten Waisenrenten zwischen 11 und 27 Euro im Monat. Angehörige der Opfer haben 65 Entschädigungsklagen gegen die Stadt Moskau eingereicht, auf eine Gesamtsumme von sechzig Millionen Euro. Die Klagen sind abgewiesen worden. Doch viele Angehörige, die sich in einer Selbsthilfegemeinschaft "Nord-Ost" zusammengeschlossen haben, finden sich nicht damit ab, daß die Behörden sich aus der Verantwortung stehlen. Sie wollen sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wenden.

          Das Schweigen der Behörden hat sich auf die Haltung der Russen zu der Befreiungsaktion ausgewirkt. Unmittelbar nach dem Sturm des Theaters hatten laut Meinungsumfragen 85 Prozent der Russen das Vorgehen der Regierung trotz der hohen Opferzahl als richtig bewertet. Heute sind es nur noch 63 Prozent. Mehr als neunzig Prozent der Russen sind überzeugt, daß sich ein Terrorakt mit ähnlichen Ausmaßen in Rußland wiederholen kann.

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