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Moskauer Geiseldrama : Das Schweigen der Behörden

Die Angehörigen der Opfer stellen Fragen Bild: AP

Ein Jahr nach dem Geiseldrama in einem Moskauer Musicaltheater sind noch viele Fragen offen. Entschädigungsklagen von Hinterbliebenen wurden mit wenigen Ausnahmen abgewiesen.

          Drei Kraniche fliegen in den Himmel. Die Bronzevögel, sollen - als Denkmal - an die Tage erinnern, die Moskau, Rußland und die Welt vor einem Jahr in Atem hielten. Tschetschenische Terroristen hatten mehr als neunhundert Zuschauer in einem Musical-Theater in ihre Gewalt gebracht. Sie drohten, das Gebäude in die Luft zu sprengen, falls Rußland seine Truppen nicht aus Tschetschenien abziehen würde.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Neben dem Mahnmal, das am Donnerstag vor dem verwaisten Theaterzentrum an der Melnikow-Straße enthüllt wurde, ist eine Tafel mit 130 Namen angebracht worden - so viele Zuschauer kamen ums Leben. Fünf von ihnen sind nach Angaben der Moskauer Staatsanwaltschaft von den Terroristen erschossen worden. Die anderen 125 starben im Verlauf ihrer Befreiung, nachdem die Sondereinheiten bei der Erstürmung ein Betäubungsgas eingesetzt hatten. Wer für ihren Tod verantwortlich ist, darüber wird in Rußland ein Jahr nach dem Geiseldrama weiter gestritten.

          Alle Geiselnehmer erschossen

          Vierzig tschetschenische Terroristen, 21 Männer und 19 Frauen, hatten 912 Zuschauer des Musicals "Nord-Ost" in ihre Gewalt gebracht. Alle Geiselnehmer wurde bei der Erstürmung erschossen. Sieben von ihnen sind nicht identifiziert, sie hatten keine oder falsche Dokumente bei sich. Ein 41. angeblicher Terrorist war in Wirklichkeit eine erschossene Geisel, wie sich Monate später herausstellte. Die Leichen der Terroristen übergab man nicht ihren Verwandten. Mehrere Häuser von Angehörigen der Geiselnehmer wurden in Tschetschenien von "Unbekannten in Uniform" in die Luft gesprengt.

          Der Terrorakt, so hat die Staatsanwaltschaft ermittelt, war von langer Hand geplant. Waffen und Sprengstoff wurden mit Lastwagen unter Melonen und Gemüse nach Moskau gebracht. Mehr als 50 Personen haben laut Staatsanwaltschaft die Tat vorbereitet. Als Drahtzieher wird der tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew betrachtet. Er wurde in dieser Woche zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Fünf Helfershelfer stehen vor Gericht.

          Warum aber zündeten die Geiselnehmer ihre Sprengsätze, die das ganze Theater zerstört hätten, nicht, wenn das Gas erst nach Minuten wirkte? Möglicherweise waren die Bomben zum Zeitpunkt der Erstürmung nicht scharf. Eine der Geiselnehmerinnen, so schreibt die Zeitung "Kommersant", habe eine Fernbedienung in der einen Hand gehabt, mit der man Sprengsätze zündet, in der anderen jedoch die Batterien, ohne welche die Zünder nicht funktionieren konnten. Das erklärt indes nicht, warum die tschetschenischen Frauen ihre Sprenggürtel, die sie am Körper trugen, nicht zur Explosion brachten. War es notwendig, alle Terroristen zu erschießen?

          „Glänzende Operation“

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