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Mohammed-Video : Protest der Verlierer

Minderheit: Indische Muslime demonstrieren in Kalkutta gegen den Mohammed-Film. Bild: AFP

In der Aufgeregtheit der Diskussion verschwimmt der Blick auf das, was in der islamischen Welt wirklich geschieht. Zwar missfällt den meisten Muslimen das unsägliche Video; sie missbilligen aber auch die Gewalt, die sich in einigen Städten entladen hat.

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          Aus Vorsicht hat die französische Regierung die Schließung ihrer diplomatischen Vertretungen und Schulen in einigen muslimischen Ländern angeordnet. Denn die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ hatte Zeichnungen zum Mohammed-Schmähfilm einige Seiten gewidmet. Die Furcht greift um sich, es könne weitere Ausschreitungen geben. In eine neue Runde geht die Kontroverse, ob gegenüber jenen Provokateuren, die nicht zu wissen scheinen, dass sie neben der Freiheit, etwas zu tun, auch die Freiheit haben, etwas nicht zu tun, nicht Gelassenheit wirksamer wäre als die aufgeregte Forderung nach Einschränkung der Meinungsfreiheit.

          In der Aufgeregtheit der Diskussion verschwimmt der Blick auf das, was in der islamischen Welt wirklich geschieht. Ungleich größer und heftiger als die Erregung heute waren in der Vergangenheit Ausschreitungen und Proteste gegen Salman Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ und gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen. Heute missfällt gewiss den meisten Muslimen das unsägliche Video; sie missbilligen aber auch die Gewalt, die sich in einigen Städten entladen hat. Vor allem randaliert heute wegen dieses Machwerks nur ein Bruchteil jener Millionen, die im vergangenen Jahr auf dem Höhepunkt der Arabellion eine neue politische Ordnung und die Achtung der Menschenrechte gefordert hatten.

          Kaum Protest in der Türkei

          Wer heute gegen den Mohammed-Film auf die Straße geht, gehört zu den Verlierern. Zu Protesten hat etwa der Generalsekretär der libanesischen Hizbullah, Nasrallah, erst aufgerufen, als der Papst bereits abgereist war. Einen Konflikt um Religion will er nicht; ihm geht es um Politik. Als Unterstützer des Assad-Regimes hat er unter den sunnitischen Arabern seinen Nimbus als „Widerstandskämpfer“ verloren. Nun will er sich mit anti-amerikanischen Parolen beliebt machen.

          In anderen Ländern ist das nicht anders: In Libyen hat sich Al Qaida, die der politische Prozess an den Rand drückte, mit einem Terroranschlag zurückgemeldet. Im Jemen rief der Hassprediger Zindani, ein Verbündeter des entmachteten Präsidenten Salih und Kritiker der amerikanischen Drohneneinsätze, zu Protesten auf. In Kairo randalierten kräftige, arbeitslose Jugendliche; die regierende Muslimbruderschaft hielt Distanz. Da überrascht es nicht, dass es in der Türkei keine nennenswerten Proteste gab - in der Türkei läuft die Wirtschaft gut.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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