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Kurt Westergaard im Gespräch : „Wut ist ein gutes Gefühl“

  • Aktualisiert am

„Die Karikatur hat nur etwas beschleunigt, das ohnehin geschehen wäre“: Kurt Westgaard Bild: dpa

Mit seiner Mohammed-Karikatur provozierte der dänische Zeichner Kurt Westergaard Muslime in aller Welt. Er lebt seitdem in einer Festung – und würde es trotzdem wieder tun.

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          Herr Westergaard, das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hat 2006 Ihre Karikatur von Mohammed mit einer Bombe im Turban nachgedruckt. Wie kam es dazu?

          Meine Karikatur wurde 2005 in „Jyllands-Posten“ gedruckt. Als dann der Ärger darum begann, besuchten mich zwei Frauen aus der Redaktion von „Charlie Hebdo“ in meinem Haus – aus Solidarität. Anfang 2006 bekam ich einen Anruf aus Paris. Ob sie die Karikatur nachdrucken dürften? Natürlich! Das war sehr gut. Es gab ja nur ganz wenige Zeitungen, die dieses Risiko eingehen wollten.

          Wie haben Sie die Nachricht von dem Anschlag auf Ihre Pariser Kollegen aufgenommen?

          Das hat mich natürlich schockiert, und ich trauere um die Kollegen. Es gibt ein Gefühl, das ich in solchen Situationen mobilisiere: Wut. Wut ist ein gutes Gefühl.

          Wie bitte?

          Das habe ich nach dem Anschlag auf mich vor fünf Jahren gelernt. Meine Wut hat mich vor einem Trauma bewahrt. Ich habe damals keinen Psychologen gebraucht.

          Die meisten Leute fühlen sich schlecht und ohnmächtig, wenn sie wütend sind.

          Was ich meine, ist eine mentale Wut. Das ist eine Form der Verteidigung, nicht der Aggression. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Rassist, ich bin ein sehr toleranter Mensch. Ich habe positive Gefühle gegenüber anderen Menschen. Meine eigene Familie ist multiethnisch, einige Mitglieder haben den Islam als kulturellen Hintergrund. Wir haben einen Flüchtling aus Iran in der Familie und eine albanische Schwiegertochter. Wir können gut zusammenleben und führen spannende Gespräche.

          Wut paart sich oft mit Hass. Wie ist das bei Ihnen?

          Ich empfinde keinen Hass. Psychologen sagen, dass Gefühle transformiert werden können. So ist es bei mir.

          Worauf genau richtet sich Ihre Wut?

          Ich bin wütend auf die Terroristen, auf Muslime, die ihre Kritiker töten wollen. Das ist aber nur eine kleine Gruppe. Ich achte darauf, dass meine Wut nicht in Rassismus übergeht. Es ist sehr wichtig für mich, dass ich meine Toleranz bewahre.

          Ist das schwer?

          Ja, das ist manchmal schwer. Meine politische Überzeugung hilft mir. Ich bin Sozialdemokrat. Ich sehe mich als anständigen Menschen. Ich kann meine Wut zügeln.

          Sind Sie besser geschützt als Ihre Pariser Kollegen?

          Ich werde 24 Stunden am Tag vom dänischen Geheimdienst beschützt. Diese Leute sind sehr professionell. Inzwischen sind sie regelrecht zu Mitgliedern der Familie geworden.

          Was würde geschehen, wenn plötzlich zwei Männer mit Maschinengewehren vor Ihrem Haus auftauchen?

          Die würden gar nicht erst so weit kommen.Hier sind überall Sensoren, niemand kann sich unentdeckt dem Haus nähern. Und das Haus selbst ist eine Festung. Nach dem Anschlag in Paris sind die Sicherheitsvorkehrungen nochmals verschärft worden.

          Werden Sie konkret bedroht?

          Stein des Anstoßes: Westergaards Mohammed-Karikatur in dänischen Zeitungen

          Von konkreten Drohungen weiß ich nichts. Aber der Geheimdienst weiß sicher mehr als ich. Ich fühle mich sicher. Außerdem habe ich einen Vorteil, ich bin fast achtzig Jahre alt. Da hat man nicht mehr viel zu verlieren.

          Haben Sie Angst?

          Dann und wann, ja. Aber ich habe diese Wut. Sie ist mein Begleiter und macht meine Situation erträglich.

          Die Pariser Attentäter haben gerufen: Wir haben den Propheten Mohammed gerächt! Das zielte nicht nur auf „Charlie Hebdo“, sondern auch auf Sie.

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