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Mittlerer Osten : Ordnungsmacht Saudi-Arabien

Saudi-Arabien ist im Mittleren Osten wieder die einzige arabische Ordnungsmacht. Der neue König Salman hat die diplomatische Zurückhaltung abgelegt. Sein Verhältnis zur bisherigen Schutzmacht Amerika bleibt widersprüchlich.

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          An allen Fronten geht Saudi-Arabien in die Offensive. Im Süden führt das Königreich gegen den Jemen Krieg, und im Norden betreibt es den Sturz des syrischen Regimes. Gegenüber Washington tritt Riad nicht mehr wie ein Bittsteller auf, sondern fordernd, und keine Regierung - von Israel abgesehen - misstraut den Ambitionen Irans so sehr wie die saudische.

          Unter dem im Januar verstorbenen König Abdullah hatte Saudi-Arabien zuletzt kraftlos gewirkt; der Blick war nach innen gerichtet. Nun nimmt der neue König Salman mit seiner jungen Mannschaft das Heft des Handelns in die Hand, und das Königreich ist im Mittleren Osten wieder die einzige arabische Ordnungsmacht. Seine Sprache ist nicht mehr diplomatisch zurückhaltend, und sein Handeln stimmt Saudi-Arabien nicht länger mit anderen Ländern ab.

          Amerika hat andere Prioritäten

          Salman stellt die grundsätzlich prowestliche Ausrichtung des Königreichs nicht in Frage. Widersprüchlich ist aber sein Verhältnis zur bisherigen Schutzmacht Amerika. Einerseits gibt es im Hause Saud keinen überzeugteren Proamerikaner als den König, der den bisherigen Botschafter in Washington zu seinem Außenminister bestallt hat. Washington kann sich damit in Riad auf ein goldenes Team verlassen. Andererseits setzt sich in Saudi-Arabien immer mehr die Überzeugung durch, dass das Land für seine Sicherheit künftig selbst zu sorgen hat, da Amerika sein Engagement in der Region abbaut und andere Prioritäten hat als die Saudis.

          Niemand stellt in Saudi-Arabien die Allianz mit den Vereinigten Staaten in Frage. Künftig soll die Kooperation aber auf Gegenseitigkeit beruhen. Ein erster Test ist der Krieg gegen den „Islamischen Staat“. Riad will sich an ihm nur beteiligen, wenn Washington das Königreich auch gegen dessen Feinde unterstützt - also gegen Iran. Präsident Obama kann damit aber nicht mehr beide Ziele erreichen: den IS vernichten, wozu er Saudi-Arabien benötigt, und die Aussöhnung mit Iran vorantreiben, was Saudi-Arabien verhindern will.

          Saudi-Arabien macht den Westen dafür verantwortlich, den Machtzuwachs Irans durch eine „unentschlossene“ Politik erst ermöglicht zu haben. Seit langem unterstellen die Saudis dem Westen, die Augen vor der iranischen Einmischung in der Region zu verschließen, sei es im Irak oder im Libanon oder im Jemen. Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm haben die saudische Skepsis nur noch verstärkt. Die Saudis lehnen ein Abkommen nicht an sich ab, aber das jetzt vereinbarte, da Iran den Brennstoffkreislauf weiter beherrschen darf und alle auferlegten Beschränkungen nach einem Jahrzehnt wegfallen. Sollte das zur neuen Messlatte bei der Proliferation werden, könnten andere Staaten dem iranischen Modell folgen und den Rüstungswettlauf beschleunigen, fürchten die Saudis.

          Jemen wird zum Testfall

          Der Konflikt mit Iran ist für Saudi-Arabien wichtiger als alle anderen Bedrohungen. Auf der saudischen Prioritätenliste schiebt er auch die Auseinandersetzung mit den Muslimbrüdern nach hinten, was Folgen hat für die Beziehungen zu Ägypten und zur Türkei. Das saudische Interesse am Ägypten von Präsident Sisi beschränkt sich darauf, zu verhindern, dass die Wirtschaft implodiert und die Region mitreißt. Der strategisch wichtigere Partner ist wieder die Türkei. König Abdullah hatte die Beziehungen zur Türkei zuletzt einfrieren lassen, da sich Erdogan zum Schutzpatron der Muslimbrüder aufgeschwungen hatte. Heute hat die wirtschaftlich starke Türkei aber einen größeren strategischen Wert für Saudi-Arabien als Ägypten. Denn die Türkei hat einen Zugang zur iranischen Führung; zudem verfolgen Ankara und Riad in Syrien und im Irak die gleichen Ziele. Beide ziehen die Machtübernahme sunnitischer Extremisten in Damaskus dem Regime Assads vor. Hinzu kommt, dass König Salman und Präsident Erdogan seit zwei Jahrzehnten freundschaftlich verbunden sind.

          Juniorpartner dieser neuen Achse ist Qatar. Denn Qatar sieht ein, dass es durch ein gemeinsames Handeln mit Saudi-Arabien seine Position stärkt. Auch hier spielen persönliche Beziehungen eine Rolle, denn den qatarischen Emir und den saudischen Kronprinzen verbindet ebenfalls eine alte Freundschaft.

          Zum Testfall dieser neuen saudischen Außenpolitik ist der Jemen geworden. Dort unterstützt Saudi-Arabien den lokalen Ableger der Muslimbruderschaft im Krieg gegen die Rebellen der Houthis, die wiederum von Iran unterstützt werden. Einziges Ziel Riads ist es, eine Machtergreifung der Houthis zu verhindern. Dazu setzt König Salman seine übermächtige Luftwaffe ein. Vermittlungsversuche hatte er schon vor Beginn der Bombardierungen ausgeschlagen. In einer ersten Bilanz sehen sich die Saudis bestätigt, denn seit Kriegsausbruch hat kein iranisches Schiff und kein Flugzeug mehr den Jemen erreicht. Zudem geraten in Damaskus Assad und in Bagdad die schiitische Regierung unter Druck. Dass in beiden Ländern der IS auf dem Vormarsch ist, beunruhigt Riad (noch) wenig. Denn die Obsession Iran überstrahlt alle anderen Bedrohungen.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

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