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Mittel- und Osteuropa : Feuer der Freiheit

  • -Aktualisiert am

Kardinal Vlk entschuldigte sich öffentlich für die Kollaborateure Bild:

Bis 1989 war die katholische Kirche in Mittel- und Osteuropa eine Kraft des Widerstands, die aber von der Staatssicherheit streng kontrolliert wurde. Noch heute steht das Verhalten kirchlicher Würdenträger vor der politischen Wende im Fokus.

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          Vor dem Kloster Notre Dame auf dem Hviezdoslav-Platz in Preßburg (Bratislava) erinnert eine kleine Tafel an ein Ereignis, das beinahe schon in Vergessenheit geraten wäre, hätte nicht unlängst George W. Bush wieder daran erinnert. Hier war die Polizei am 25. März 1988 brutal gegen Tausende Katholiken vorgegangen, die betend, singend und mit Kerzen in der Hand für die Religionsfreiheit eintraten.

          In der Rückschau nimmt sich diese Kundgebung wie eine Art Generalprobe für das Revolutionsjahr 1989 aus. „Mit ihren Kerzen und Gebeten“, sagte Bush in der Rede, die er anläßlich seines Treffens mit Putin am 24. Februar in der slowakischen Hauptstadt hielt, „haben die Leute in Preßburg ein Feuer der Freiheit entzündet, das sich rasch über das ganze Land ausbreitete.“

          Katholischer Widerstand

          Wie in allen vorwiegend katholischen Ländern Ostmitteleuropas hatte die Kirche auch in der Slowakei als stärkste Kraft des Widerstandes religiöse mit nationalen und bürgerrechtlichen Anliegen verbunden. Gegenüber dem als Fremdherrschaft verstandenen kommunistischen Regime verkörperte sie den Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit sowie die Hoffnung auf Rückkehr „nach Europa“, der die sowjetische Hegemonie im Wege stand.

          In Ländern mit weniger starken katholischen Wurzeln war es den Kommunisten gelungen, religiöse Feiern durch säkularisierte Riten von der Art der Jugendweihe zu ersetzen. In Polen und Ungarn, in der Slowakei und in Kroatien hatten sie Mühe, die eigenen Funktionäre davon abzuhalten, ihre Kinder taufen zu lassen. Der katholische Widerstand bildete den Kern der Dissidentenbewegung, er war am besten organisiert und eingebettet in ein ganz Osteuropa umspannendes Netz, das sich am polnischen Papst orientierte und sich von ihm ermutigt fühlte.

          Verteidigung der Freiheit aller

          Wenn der Papst, wie in Polen 1979, die pastorale Botschaft „Fürchtet euch nicht, der Herr ist mit euch“ an die Gläubigen richtete, brachte er damit auch ein politisches Programm der katholischen Dissidenten zum Ausdruck.

          Heute wird anerkannt, daß sich die Kirche in der Verteidigung ihrer eigenen Freiheit im Kommunismus besser bewährt hat als andere Gruppen und daß sie in der Verteidigung ihrer eigenen auch die Freiheit aller verteidigt hat. Gleichwohl hat die mehr als vierzig Jahre dauernde atheistische Diktatur in der Kirche Verwüstungen angerichtet, die noch lange nicht überwunden sind.

          Drei Elemente im Katholizismus bis 1989

          Bis 1989 gab es im Katholizismus Ostmitteleuropas im wesentlichen drei Elemente: die staatlich streng überwachte und in ihrer Tätigkeit eng beschränkte Amtskirche; die Untergrundkirche, die sich dem staatlichen Zugriff entzog und eine von der Amtskirche weitgehend unabhängige Entwicklung durchlief; schließlich die vom Regime geförderten Priester- und Laienorganisationen.

          Eine der heikelsten kirchenpolitischen Herausforderungen nach dem Sturz des Kommunismus war es, diese drei Elemente wieder zusammenzuführen, was im Falle der Kollaborateure eine reuevolle Rückkehr in den Schoß der Kirche, im Falle der Untergrundkirche die Aufgabe ihrer relativen Autonomie erforderte.

          Kollaborierende Kleriker

          Mutige Bischöfe hatten eine klare Trennung zu den kollaborierenden Klerikern vollzogen, etwa Kardinal Tomašek in Prag, der sich 1980 öffentlich von der Priestervereinigung „Pacem in terris“ distanzierte.

          Aber dem kommunistischen Staatssicherheitsdienst gelang es nicht nur, offene Kollaborateure in den regimetreuen Assoziationen anzuwerben, sondern auch zahlreiche Agenten und Mitarbeiter in der Amtskirche und in der Untergrundkirche zu gewinnen. Sechzehn Jahre Religionsfreiheit reichten bisher nicht aus, um das Gift abzubauen, das im kirchlichen Organismus retardierende Wirksamkeit entfaltet.

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