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Mißhandlungen im Irak : Foltern Frauen wie Männer?

  • -Aktualisiert am

Lynndie England: Fast marionettenhafte Körperhaltung Bild: EXCLUSIVE TO THE WASHINGTON POST

Alice Schwarzer, die Herausgeberin der Zeitschrift „Emma", in einem Gastbeitrag in der F.A.Z. zu den Bildern von den Mißhandlungen im Irak und der Frage, ob Frauen in der Armee wie die Gefreite Lynndie England Opfer oder Täter waren.

          Es gibt Tausende von Folterbildern aus Abu Ghraib. Dennoch wurden bisher vor allem vier Fotos gezeigt:

          Das erste zeigt ein Opfer auf einem Podest mit einer Kapuze über dem Kopf, das mit seinen abgewinkelten Armen wie der gekreuzigte Christus das Leid dieser Welt symbolisiert - ein Täter ist auf diesem Bild nicht zu sehen. Das zweite Foto zeigt einen nackten Menschenhaufen, der uns an KZ-Bilder erinnert und hinter dem der feixende Gefreite Charles Graner posiert - vor ihm beugt sich, ihren Unterkörper den Lenden Graners entgegenstreckend, die lachende Gefreite Sabrina Harman über den Körperberg; ihr Körper ist den Nackten näher als dem Uniformierten.

          Fast marionettenhaft

          Das dritte Foto zeigt stehende, nackte männliche Gefangene mit Kapuzen über dem Kopf - die vor ihnen posierende Gefreite Lynndie England zielt mit einem imaginären Gewehr und einer Zigarette zwischen den Lippen auf die (von westlichen Medien immer unkenntlich gemachten) Genitalien der Männer. Lächelt sie?

          Sabrina Harman posiert vor dem Leichnam eines toten Irakers

          Das vierte ist das meistpublizierte Bild: Es zeigt ebenfalls England. Sie hält stehend eine Leine in der Hand, die um den Hals eines kriechenden nackten Mannes gebunden ist. Es ist das einzige Bild, auf dem die Agierende sich nicht der Kamera, sondern dem Opfer zuwendet. Ihre Körperhaltung wirkt nicht herrisch, sondern eher unschlüssig, fast marionettenhaft.

          Nicht Subjekt, sondern Objekt

          Später befragt, warum sie mitgemacht habe, antwortete England: "Mir wurde gesagt: Stellen Sie sich mal dahin. Lächeln. Nehmen Sie die Daumen hoch. Schauen Sie in die Kamera. Hey, lächeln! Sag: Cheese." Wer hat das gesagt? "Meine Vorgesetzten." Daß es genauso gewesen sein könnte, dafür sprechen die Bilder, die England nicht als Subjekt, sondern als Objekt zeigen.

          Diese Inszenierungen machen deutlich: Nicht die Handlung ist das eigentliche Geschehen, sondern das Dokumentieren der Handlung, eben die Fotos. Sie sind die Trophäen der Sieger, Beweise der Zerstörung des Gegners - und der Degradierung der eigenen Kameradinnen. Ihre Veröffentlichung multipliziert, auch mit Hilfe der Medien, die Taten ins Endlose.

          Alle Inszenierungen folgen klassischen pornographischen Mustern, die uns von de Sade über Pasolini bis Helmut Newton (die hechelnden Hunde und die Nackten!) bekannt sind. Zu solchen Szenarien gehören immer auch Frauen (und bei Bildern, die sich an homosexuelle Konsumenten richten, eben feminisierte Männer).

          Keine Frage des biologischen Geschlechts

          Nein, hier geht es nicht darum zu behaupten, die Soldatinnen seien unschuldig und „auch nur Opfer". Und es geht schon gar nicht darum zu behaupten, Frauen seien von Natur aus nicht zu Bösem fähig. Das Böse ist schließlich keine Frage des biologischen Geschlechts, sondern eine Frage der Macht. Das Böse passiert da, wo die einen mächtig und die anderen ohnmächtig sind - und es den Mächtigen an der Fähigkeit zur Empathie, zum Mitgefühl fehlt. Letzteres ist im Patriarchat, das wir nun mal seit ein paar tausend Jahren objektiv haben, eher traditionell der Part von Männern. Den Frauen wurde der Part von Menschlichkeit und Mitgefühl zugewiesen, Macht und Gewalt waren lange tabu für sie. Darum wurden sie zu Spezialistinnen der verdeckten, psychischen Gewalt.

          Es geht darum, genau hinzusehen, ganz genau. Fakt ist: Nur zehn Prozent der im Irak eingesetzten amerikanischen Soldaten sind weiblich und keineswegs bei allen herzlich willkommen. Dennoch zeigen fast hundert Prozent der veröffentlichten Folterfotos weibliche Akteure. Zufall?

          Und dann ist da noch die dritte Frau im Bunde (oder Komplott?). Es ist die Generalin Janis Karpinski. Sie war als Chefin der 800. Militärpolizei-Brigade mit ihren 3400 SoldatInnen auch zuständig für das Militärgefängnis Abu Ghraib und gilt heute als der zentrale Sündenbock. Doch die Ein-Sterne-Generalin versichert glaubhaft, ihr sei im August 2003 von dem frisch aus Guantánamo kommenden Zwei-Sterne-General Geoffrey Miller die Befehlsgewalt für das Gefängnis Abu Ghraib mit den Worten aus der Hand genommen worden: "Diese Häftlinge müssen wie Hunde behandelt werden. Ihnen darf niemals erlaubt werden, sich wie menschliche Wesen zu fühlen."

          Gefährdete männliche Privilegien

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