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Universitätsklinikum : Missbrauchsskandal im Saarland wird untersucht

  • -Aktualisiert am

Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums des Saarlands (UKS) in Homburg Bild: dpa

Der Arzt Matthias S. missbrauchte jahrelang ihm anvertraute Kinder. Obwohl viele von seinen pädophilen Neigungen wussten, ließ man ihn gewähren. Nun wird der Skandal aufgearbeitet.

          Der Landtag des Saarlands hat am Mittwoch einstimmig beschlossen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Aufklärung des Missbrauchsskandals am Universitätsklinikum des Saarlands (UKS) einzurichten. Für den Antrag stimmten alle Abgeordneten der im Landtag vertretenen CDU, SPD, Linke und AfD; die Redner zeigten sich fassungslos über die Geschehnisse und forderten eine lückenlose Aufklärung sowie Reformen beim Kinderschutz.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          An der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS hatte der mittlerweile verstorbene Arzt Matthias S. jahrelang Kinder sexuell missbraucht, manche bei jeder Behandlung. Er nahm zwischen 2010 und 2014 dutzende medizinisch überflüssige Untersuchungen der Genitalien vor und fälschte Akten; intime Aufnahmen von den Patienten fand man bei ihm Zuhause. Auch nahm S. Patienten mit in den Judoverein, in dem er als Trainer die „Bambinis“ sowie eine ADHS-Kinderhilfegruppe anleitete. Zudem pflegte er mit Patienten Kontakt über das Internet. S. war selbst kinderlos, hatte aber in seinem Haus ein „Kinderzimmer“ sowie ein „Matratzenlager“, auf dem ihn Kollegen mit Kindern liegen sahen. Mehrere Kollegen hatten bereits früh Hinweise auf die pädophilen Neigungen von S. und informierten die Leitung der Klinik über Auffälligkeiten. Bei einer Durchsuchung der Wohnung von S. im Jahr 2015 wurden Fotos gefunden, die ihn zeigen, wie er nackte Kinder auf dem Schoß hält. Zudem wurden Dutzende Medikamente zur Behandlung von Kindern sichergestellt. Die Rechtsanwältin Claudia Willger, die die Opferfamilien vertritt, geht von einer Zahl von „300 plus“ bezüglich der von ihm behandelten Kinder aus.

          „So etwas darf sich nicht wiederholen“

          Obwohl der Direktor der Klinik, Alexander von Gontard, mindestens seit 2011 von möglichen pädophile Neigungen seines Mitarbeiters wusste, erstatte die Klinik erst Ende 2014 Strafanzeige gegen S. Die darauf folgenden Ermittlungen werfen jedoch Fragen auf. Vor allem jene, warum die Eltern der betroffenen Kinder weder von der Klinik noch von der Staatsanwaltschaft informiert wurden; einige betroffene Kinder kamen weiterhin zur Untersuchung. Die Klinik rechtfertigte den Schritt mit dem „Kindeswohl und dem Schutz vor weiterer Traumatisierung“. Fraglich ist auch, warum sich die Staatsanwaltschaft auf Angaben der Klinik über mögliche von S. manipulierte Patientenakten verließ und nur rund 30 Akten anforderte. Zudem steht die Frage im Raum, warum die Ärztekammer des Saarlands zwar seit Ende 2014 über die Vorwürfe informiert war, jedoch die Klinik Kaiserslautern, an der S. später tätig war, nicht informierte.

          Die Opferanwältin Willger hatte Strafanzeigen gegen den Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie von Gontard, eine seiner Oberärztinnen sowie gegen die Justitiarin der Uniklinik gestellt. Ermittlungsverfahren gegen diese Personen lehnte die Staatsanwaltschaft jedoch ebenso ab wie ein Verfahren gegen die damals ermittelnde Staatsanwältin.

          Auch das Verhalten der damalige Staatssekretärin im Justizministerium und heutigen Präsidentin des Landesfinanzgerichts Anke Morsch (SPD) wird kritisiert. Morsch wusste seit Anfang 2015 von den Ermittlungen, gab die Information jedoch nicht innerhalb der Landesregierung weiter. Die damalige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) will erst im April dieses Jahres von den Vorgängen erfahren haben.

          Die Sprecherin der CDU-Fraktion für Wissenschaft Jutta Schmitt-Lang sprach am Mittwoch im Landtag des Saarlands von einem „verstörenden Verbrechen“, dessen Umstände sie „fassungslos“ machten. In dem Fall hätten Frühwarnstrukturen und der Kinderschutz „versagt“. „So etwas darf sich nicht wiederholen“ , sagte Schmitt-Lang. Es sei „absolut nicht nachvollziehbar“, warum die Betroffenen nicht informiert worden seien, sagte Martina Holzner (SPD). Diesen sei dadurch „Hilfe verwehrt“ worden.

          Der Fraktionsvorsitzende der Linken Oskar Lafontaine sprach von „gravierenden Fehlentscheidungen“ der Klinik und kritisierte, dass die damalige Staatssekretärin Morsch die Informationen nicht weitergegeben hatte. Zudem sei fragwürdig, warum die Staatsanwaltschaft das Verfahren nach dem Tod von S. eingestellt habe, so Lafontaine. Nicht nur der Täter trage in dem Falle Verantwortung, sondern auch die Klinik.

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