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Missbrauchsfälle : „Opfer wurden zu wenig beachtet“

  • -Aktualisiert am

Der Freiburger Erzbischof Zollitsch Bild: ddp

„Aus falsch verstandener Sorge um das Ansehen der Kirche war der helfende Blick für die Opfer nicht genügend gegeben“, erklärt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch. Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bestimmen auch die Karfreitagsfeierlichkeiten in Rom.

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          Repräsentanten der katholischen wie die evangelischen Kirche haben ihren Karfreitagspredigten und Osterbotschaften auch zu den sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche in kirchlichen Einrichtungen Stellung genommen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Der erkrankte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Zollitsch, ließ sich in einer über das Internet verbreiteten Botschaft mit den Worten vernehmen, es erschüttere die Kirche, „welches Leid den Opfern zugefügt wurde, die oft über Jahrzehnte hinweg ihre Verletzungen nicht in Worte fassen konnten. Es wurden Wunden gerissen, die kaum mehr zu heilen sind“. Die Kirche müsse sich der „leidvollen Realität“ stellen“, dass „durch die Enttäuschung über das schmerzliche Versagen der Täter und aus falsch verstandener Sorge um das Ansehen der Kirche der helfende Blick für die Opfer nicht genügend gegeben war“.

          Bischof Lehmann: Täter haben das „Evangelium verraten“

          Zollitschs Vorgänger im Amt des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, sagte im Mainzer Dom über Geistliche, die sich an Kindern vergingen: „Sie schwächen und verraten das Evangelium Jesu Christi, der gerade die Kinder in die Mitte stellte.“ In den meisten Gottesdiensten wurde die Anregung des Trierer Bischofs Ackermann aufgegriffen, in den Gottesdiensten der Opfer sexueller Übergriffe mit einer besonderen Fürbitte zu gedenken.

          Die Missbrauchskandale in der katholischen Kirche bestimmten auch die Karfreitagsfeierlichkeiten in Rom. Papst Benedikt XVI. wollte am Freitagabend im Kolosseum den Leidensweg Jesu nachvollziehen. Das falle ihm angesichts der Last der Kirche dies Jahr noch schwerer als in den Jahren zuvor, hieß es aus seiner Umgebung. Zu den Skandalen selbst aber habe er schon klar genug, deutlich genug und ausreichend genug gesprochen. (Siehe auch: Video: Fragen zur Rolle Ratzingers im Missbrauchsskandal)

          Der frühere Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz Kardinal Camillo Ruini bereitete die Meditationen an den 14 Kreuzwegstationen vor. Darin heißt es in einem der Gebete: „Gib unserem inneren Auge den klaren Blick und Wahrhaftigkeit, damit es ohne Heuchelei das Böse erkennt, das in uns steckt.“ Klarer hatte 2005 der damalige Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger bei den Meditationen zum Versagen katholischer Geistlicher gesagt: „Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es, die sie verschmutzen.“

          Unterdessen warf Ratzingers Nachfolger als Chef der Glaubenskongregation, der amerikanische Kardinal William Levada, der „New York Times“ fehlerhafte Recherche und Einseitigkeit ein. Die Zeitung hatte dem Papst vorgeworfen, er habe als Chef der Glaubenskongregation darin mitgewirkt, mehr als 200 Missbrauchsfälle eines Priesters an gehörlosen Jugendlichen in Wisconsin zu vertuschen. (Siehe auch: Missbrauchsfälle: Vorwürfe gegen den Vatikan)

          Keiner habe so viel dafür getan, dass kirchliche Missbrauchsfälle nicht verschleppt würden, schrieb Levada der Zeitung. Das Erzbistum Milwaukee habe versagt, als es den Priester nicht suspendiert habe. Die von Ratzinger geleitete Kongregation habe einen kanonischen Prozess gegen den Pastor befürwortet und davon erst Abstand genommen, als der im Sterben lag: „In so einem Fall ist ein Verfahren unnütz.“ Auch das Blatt der italienischen Bischofskonferenz „Avvenire“ trat dem Papst zur Seite: Rom sei erst gut zwei Jahrzehnte nach den Vorfällen in den Vereinigten Staaten eingeschaltet worden. Der damalige Sekretär des Präfekten Ratzinger, Tarcisio Bertone, habe sich dann „der Sache angenommen“. Von einer „Heuchelei“ und „Inszenierung“ durch die „New York Times“ spricht der frühere Vatikan-Sprecher unter Johannes Paul II., Joaquin Navarro-Valls.

          Evangelischer Bischof Dröge fordert „eine lückenlose Aufklärung“

          Der neue Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Dröge, nannte die derzeitige Debatte über sexuellen Missbrauch ungeachtet aller „deutlichen Verzerrungen“ nötig und lange überfällig. Es sei Zeit, dass die Wahrheit ans Licht komme und die Perspektive der Opfer Vorrang habe vor dem Interesse der Institution an einem guten Ruf. „Ziel muss eine lückenlose Aufklärung und umfassende Transparenz bleiben. Darauf verpflichtet uns Jesu Zuwendung zu seinen Mitmenschen und seine Hingabe am Kreuz“, äußerte Dröge.

          Der badische Landesbischof Fischer lenkte den Blick auf Opfer wie auch Täter: „Schuld muss bedingungslos bekannt und damit Angebote zur Versöhnung mit den Opfern gemacht werden“, sagte Fischer in Karlsruhe. „Zugleich dürfen wir darauf vertrauen, dass Gottes Versöhnungshandeln allen gilt, Opfern wie Tätern. Opfern so, dass sie in ihren bedrückenden Schmerzerfahrungen Jesus Christus an ihrer Seite wissen, der am Kreuz selbst Schmerzen erlitt. Tätern so, dass sie aufrichtig ihre Schuld bekennen und für sich Gottes Vergebung in Anspruch nehmen können.“

          In den vergangenen Wochen war eine Reihe von Missbrauchsfällen an kirchlichen, aber auch an sonstigen Bildungseinrichtungen bekanntgeworden. Als Konsequenz kündigte die katholische Kirche eine Überprüfung ihrer Richtlinien an und versprach eine engere Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft. Zudem richtete der neu eingesetzte Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz eine Telefon-Hotline für Betroffene ein, die am Dienstag freigeschaltet wurde. (siehe: Hotline der katholischen Kirche: „Wir wollen wissen, was erlitten wurde“)

          Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, fragte in seiner vorab verbreiteten Predigt in Wesel: „Wo ist Gott, wenn Kinder in kirchlichen Einrichtungen misshandelt und missbraucht werden?“ Paulus gebe als Antwort, dass der Himmel „nicht verschlossen und abgeschottet gegenüber menschlichem Leiden und Sterben“ sei.

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