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Missbrauchsfälle in Kirche : Das Schweigen der Männer

  • -Aktualisiert am

Unruhe hinter Klostermauern Bild:

Das Klostergymnasium Ettal wird von Missbrauchsvorwürfen erschüttert. Ein Zeuge macht eine „Kultur der Verniedlichung“ für das jahrzehntelange Schweigen verantwortlich. Unterdessen fordern Eltern jetziger Schüler die Rückkehr des zurückgetretenen Abtes.

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          Der letzte Schnee glänzt in der Mittagssonne, als am Freitag die Kirchenglocken das Wochenende einläuten. Vor dem Kloster, das, umgeben von mächtigen Bergen, seit 1330 im schönen Ettal steht, warten kopfschüttelnde Frauen neben ihren Autos. Heftig diskutieren sie die Ereignisse der vergangenen Tage, bis ihre Kinder endlich aus dem Klosterinternat stürzen. Ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, umarmt sogleich die Mutter und sagt traurig: „Jetzt ist auch der Pater Maurus nicht mehr da.“ Das wisse sie schon, sagt die Mutter, die in München dächten eben nicht an die Kinder.

          „Die in München“, das ist das Erzbischöfliche Ordinariat, das vor dem Pater Maurus Kraß schon Ettals Abt Barnabas Bögle zurücktreten ließ. Beide hätten in der Vergangenheit Missbrauchsfälle in dem Gymnasium zu vertuschen versucht, begründete das Ordinariat die drastischen Maßnahmen. Von nun an, heißt es aus München, müsse in Ettal endlich an die Kinder gedacht werden. Allen will es derzeit um das Wohl der Kinder gehen, seit im Kloster Unruhe herrscht und sich die Erzdiözese in Krisenmanagement übt.

          Das Chaos begann Anfang vergangener Woche, als ehemalige Schüler des Ettaler Benediktinergymnasiums ihr jahrzehntelanges Schweigen brachen und sich an die Medien wandten. Von langen Gutenachtküssen des Paters M. auf den Mund der Kinder war zunächst die Rede, von Streicheleien und Befriedigung mit der Hand. Sexueller Missbrauch habe im Kloster nicht nur stattgefunden, sondern sei der Leitung bekannt gewesen.

          Auf Tabula rasa gesetzt

          Bald nach den Berichten über Missbrauch in Ettal fühlten sich die Benediktiner mit der Aufklärung der Vorwürfe überfordert. Obwohl das Kloster nicht der bischöflichen Verfügungsgewalt unterliegt, baten sie die bischöfliche Erzdiözese München und Freising um Amtshilfe. Wegen der jüngsten Missbrauchsskandale an den Jesuitenschulen um Schadensbegrenzung bemüht, ließ sich die nicht lange bitten. Der Generalvikar des Erzbischofs von München und Freising, Prälat Peter Beer, setzte von nun an auf Tabula rasa. „Es gibt zur rückhaltlosen Aufklärung keine Alternative, wenn die Abtei als solche eine Zukunft haben will“, sagte der Sprecher der Diözese, Bernhard Kellner.

          Die Erzdiözese setzte sofort zwei Ombudsmänner ein, an die sich weitere mutmaßliche Missbrauchsopfer wenden konnten: den Bischöflichen Beauftragten der Erzdiözese München und Freising für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs, Monsignore Siegfried Kneißl, und, als klosterfernen Ansprechpartner, Rechtsanwalt Burkard Göpfert. Was folgte, war erschütternd: In den folgenden Tagen habe im Schnitt alle zwei Stunden das Telefon geklingelt, sagte Göpfert am Freitagnachmittag. Rund zwanzig mutmaßliche Opfer und zahlreiche Zeugen haben sich bis Freitag gemeldet.

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