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Missbrauch in Rotherham : Stadt des Schweigens

Die Gräben könnten tiefer kaum sein. In den „weißen“ Stadtteilen treiben sich die jungen Verlierer der anderen Seite herum. Ihr Erkennungsmerkmal ist der Trainingsanzug und die Kapuze, die tief ins Gesicht gezogen ist. Ihre Eltern, von denen viele in den neunziger Jahren ihren Job verloren haben, stehen derweil im „County Pub“, hören laute Musik und haben schon am frühen Nachmittag glasige Augen. Einige halten aus alter Solidarität an Labour fest, aber manche haben ihre Sympathien nach rechts außen verlagert. Die Einzigen, die in Rotherham gegen Einwanderung protestiert haben, waren die „English Defence League“ und die „British National Party“. Sie stellten die Bürger vor eine unerfreuliche Alternative: Sollte man die Lage schönreden mit der Labour Party oder Unfrieden stiften mit den Rechtsradikalen?

„Natürlich haben wir hier ein Problem mit den Muslimen“

Zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, oben auf dem Berg, am Carlton Park, sitzen zwei alte Damen beim Lunch und gönnen sich dazu ein Glas Rotwein. Auch sie reden ungern über „den Skandal“. Aber dann platzt es aus der älteren heraus: „Man darf es ja nicht sagen, aber natürlich haben wie hier ein Problem mit den Muslimen.“ Bis vor ein paar Jahren, sagt die jüngere, habe sie gar nicht gewusst, „dass es so viele von denen gibt“. In besseren Zeiten durften sich die beiden Freundinnen als Säulen der Stadtgesellschaft verstehen.

Ein Geschäft in Rotherham: In der englischen Stadt wurden zwischen 1997 und 2013 gut 1400 Mädchen sexuell missbraucht.

Die eine arbeitete als Schuldirektorin, die andere als Amtsrichterin. „Früher haben wir uns alle am Samstagmorgen im Zentrum getroffen, das war schön“, erinnert sich die frühere Schuldirektorin. „Da traue ich mich seit Jahren nicht mehr hin“, sagt die frühere Richterin. „Nicht dass ich Angst hätte, aber wenn hinter mir zwei, drei Frauen mit Ganzkörperschleier laufen, fühle ich mich unwohl – wer weiß, wer darunter steckt.“ Auf die Frage, welche Partei sie bei den Unterhauswahlen im Mai wählen werden, hellen sich ihre Gesichter auf: „Ukip!“

Ukip, die von einem Erfolg zum nächsten eilende Unabhängigkeitspartei mit ihrem Vorsitzenden Nigel Farage, könnte von den Spannungen in Rotherham profitieren. Die Partei ist dafür bekannt, dass sie die Einwanderung begrenzen will, und hebt sich doch, nicht zuletzt im Habitus, von rechtsextremen Organisationen ab. Schon bei der Kommunalwahl gelang Farage der Einbruch ins Labour-Lager. Ukip verzehnfachte seine Stimmanteile und ist nun zweitstärkste Kraft in der Stadt. Aber noch verteidigen die alten Garden ihr Terrain: Als Farage Anfang Februar ein neues Ukip-Büro in der Fußgängerzone eröffnen wollte, riet ihm die Polizei, lieber nicht auf die Straße zu treten. Dort standen Labour-Anhänger und Gewerkschafter und drohten dem „Rassisten“.

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